Bruno Hübner – der bodenständige Arbeiter

Bruno Hübner – der bodenständige Arbeiter


Bruno HuebnerRuhige Arbeitstage kennt Bruno Hübner nicht, seit dem er Sportmanager bei Eintracht Frankfurt ist. Sein Terminkalender ist immer gut gefüllt. Bis Ende Januar lief die Wintertransferperiode, Spieler mussten verkauft und neue geholt werden. Wer gedacht hat, dass es danach etwas ruhiger werden würde, hat diesen Job noch nicht gemacht. In diesen Tagen schweift der Blick des Sportmanagers oftmals schon über das Saisonende hinaus. Die Zukunft wird geplant und besprochen. Vertragsgespräche mit Spielern und dessen Beratern stehen an. Plötzlich ist auch die Diskussion über die Zukunft von Armin Veh wieder neu entbrannt. Kaum ist eine Baustelle geschlossen, tut sich eine neue auf. Und zwischendurch muss der 52-Jährige auch noch zahlreiche Interviews führen. Hübner nimmt sich gerne Zeit dafür. Er kennt die Mechanismen der Branche und weiß, wie wichtig es ist, auch die Medien zu bedienen.

Hübner genießt seine neue Aufgabe bei der Eintracht und geht darin voll auf. Es ist die mit Abstand größte Herausforderung seiner Karriere bisher. Über ein Vierteljahrhundert sind vergangen seit dem Tag, an dem sich das Leben des damals 25-Jährigen Stürmers in Diensten des 1.FC Kaiserslautern grundlegend veränderte. Eine schwere Hüftverletzung bedeutete das vorzeitige Ende der eigenen sportlichen Laufbahn – nach 76 Bundesligaspielen und 19 Toren für die „Roten Teufel“. „Die Diagnose war für mich ein harter Schlag, da ich von heute auf morgen den Traum von meiner Fußballerkarriere beenden musste“, blickt Hübner zurück. 1986 war das und Hübner stand vom einen auf den anderen Tag als Sportinvalide ohne Berufsausbildung auf der Straße. „Über meinen Freundeskreis kam durch Zufall der Kontakt zu Heinz Hankammer, Vorsitzender des damals in der A-Liga (!) beheimateten SV Wehen und Gründer des Wasserfilterherstellers Brita, zustande.“ Hankammer bot Hübner an, als Hobbyfußballer für seine Wehener in der Kreisliga zu kicken und gleichzeitig in seiner Firma eine Ausbildung zum Industriekaufmann zu absolvieren. „Da wir sofort auf einer Wellenlänge lagen und ich die Möglichkeit zu einer Berufsausbildung bekam, sagte ich in Wehen zu.“

Halberg statt Betzenberg, Kreisklasse statt Bundesliga. Hübner war plötzlich in einer neuen Welt angekommen. „Hankammer hatte damals schon Visionen mit seinem SV Wehen. Dies war für mich mit einer der Gründe, den Schritt in den Taunus zu machen. Denn auch wenn ich keinen konkreten Karriereplan hatte, hoffte ich schon damals, den Weg als Funktionär zurück in den Profifußball zu finden.“ Was folgte, war eine rasante Entwicklung – sowohl für den kleinen Taunusverein als auch für Bruno Hübner. Schon 1989 stiegen die Wehener bis in die Oberliga Hessen auf, 1996 gelang der Sprung in die Regionalliga. Während sich Spieler auf dem Halberg die Klinke in die Hand gaben, hießen die Konstanten des Klubs immer Hankammer und Hübner, der mehr und mehr zur rechten Hand des Machers wurde. Als Spieler, Co-Trainer, Trainer, Manager und Vizepräsident bekleidete er nach und nach fast jede Position in dem kleinen Klub. Und parallel arbeitete Hübner weiter an seiner beruflichen Karriere bei Brita, wo er nach einigen Jahren als Vertriebsleiter das Europageschäft mit verantwortete.

Die insgesamt 21 Jahre in Wehen von 1986 bis 2007 bewertet Hübner im Rückblick als „wunderbare und sehr prägende Zeit. Ich habe in Wehen das Fußballmanagementgeschäft von der Pike auf lernen dürfen. Und da ich mich nicht nur um die sportlichen Belange kümmern musste, sondern als Manager und Vize-Präsident auch Verantwortung für den Klub als Ganzes tragen durfte, habe ich dort unheimlich viel mitgenommen.“ Ab 2004 kümmerte sich Hübner in Vollzeit nur noch um den SV Wehen, der nicht zuletzt durch die Unterstützung von Mäzen Heinz Hankammer in den Profifußball strebte. 2007 war es dann soweit. Als souveräner Meister der Regionalliga Süd stieg der Klub aus dem Taunus in die 2. Liga auf. Für Hübner endete die Amtszeit dann schlagartig. „Es war damals natürlich sehr schade, den Klub in der 2. Liga zu verlassen, nachdem ich den Weg von der A-Klasse bis in den Profifußball mit begleiten durfte. Umstrukturierungen im Verein machten diesen Schritt leider unumgänglich“, blickt Hübner zurück. Die Verantwortung für den Klub hatte mittlerweile Markus Hankammer, der Sohn von Heinz Hankammer, übernommen.

Hübner und der Profifußball machten im Anschluss nur eine kurze Pause voneinander. Anfang 2008 wechselte er damals zum abgeschlagenen Tabellenschlusslicht der Fußball-Bundesliga nach Duisburg. Dreieinhalb Jahre war er an der Wedau tätig. „Auch Duisburg war für mich eine sehr prägende Zeit. Der Klub hatte schon damals mit schwierigen finanziellen Bedingungen zu kämpfen und musste andererseits die meist sehr hohen Erwartungen des Umfelds erfüllen.“ Dieser Spagat wurde von Hübner gut gemeistert. In seiner Amtszeit spielte der Verein immer in der oberen Tabellenhälfte mit und erreichte als Zweitligist im Mai 2011 sogar das Pokalfinale in Berlin. Ohne vier wichtige Stammspieler war der MSV gegen den höherklassigen Reviernachbarn Schalke 04 jedoch chancenlos und verlor mit 0:5.

Hübner erinnert sich nicht nur auf Grund des Pokalhighlights in Berlin noch gut an diese Tage. „48 Stunden vor dem Finale erhielt ich einen überraschenden Anruf von Heribert Bruchhagen, dem Vorstandsvorsitzenden von Eintracht Frankfurt. Der Verein war gerade aus der Bundesliga abgestiegen und Heribert bot mir die Position des Sportmanagers an.“ Wenn Hübner dies erzählt, merkt man noch heute, dass dieses Angebot sein Herz höher hat schlagen lassen. „Die Eintracht war und ist natürlich noch einmal eine ganz andere Hausnummer. Ich bekam die Chance, den neuen Trainer mit auszusuchen und eine komplette Mannschaft für den Wiederaufstieg zusammenzustellen“, erzählt Hübner noch heute mit einem ganz besonderen Zungenschlag. Neben der sportlichen Komponente seien für ihn als Familienmensch auch die privaten Umstände sehr wichtig gewesen. Und die Aufgabe in Frankfurt bot ihm die Möglichkeit, wieder zurück in den Taunus zu seiner Familie zu ziehen. „In der Heimatregion arbeiten zu dürfen, ist für mich ein echtes Stück Lebensqualität“, betont der Vater von drei erwachsenen Söhnen.

Wenn es indes noch einen Beweis für die Fußballkompetenz von Bruno Hübner bedarf, sind die drei Jungs wohl der beste Beleg dafür. Denn alle drei haben den Sprung in den Profifußball geschafft. Benjamin (23) spielt derzeit beim Zweitligisten VfR Aalen, Florian (22) steht im Kader der U23 von Borussia Dortmund. Christopher (26), der älteste Sohn, spielte bis Sommer 2012 in der 3. Liga für Darmstadt 98 und lässt es mittlerweile in der Verbandsliga, beim SV Wiesbaden, fußballerisch etwas ruhiger angehen. Drei Söhne, dreimal Profifußball – eine wahrlich beeindruckende und wohl fast einmalige Bilanz. Bruno Hübner ist verständlicherweise „stolz auf seine Jungs“. Die Gespräche mit ihnen helfen ihm auch in seiner täglichen Arbeit. „Ich erfahre dadurch, wie die heutige Spielergeneration tickt und was sie bewegt“, erklärt er.

Informationen, die er als Sportmanager der Eintracht tagtäglich gebrauchen kann. Rund 70 Transfers musste Hübner bereits abwickeln, seit er im Sommer 2011 nach Frankfurt wechselte. Ein Sportmagazin ernannte ihn daher kürzlich zum „Transferkönig der Liga“. Hübner sieht das eher nüchtern. „Die Anzahl der Transfers spricht weder für, noch gegen die Qualität eines Sportmanagers. In Frankfurt waren wir sowohl nach dem Abstieg in die 2. Liga als auch im Sommer 2012 nach der direkten Rückkehr in die Eliteliga dazu gezwungen, den Kader grundlegend neu zusammenzustellen.“ Nicht wenige beäugten die Transfers von Hübner nach dem Bundesligaaufstieg mit einer gehörigen Portion Skepsis. Der Manager holte viele Spieler aus der 2. Liga oder Kicker, die bei ihren letzten Klubs als gescheitert galten. Das Ergebnis ist bekannt. Statt wie erwartet, um den Klassenhalt zu spielen, darf die Eintracht derzeit vom europäischen Geschäft träumen. „Dagegen wehren wir uns nicht. Nachdem wir schon sehr früh im Saisonverlauf ein sehr großes Polster zu den Abstiegsrängen aufbauen konnten, ist es jetzt nur richtig, sich neue Ziele zu setzen.“

Neben den kurzfristigen Ambitionen in dieser Saison muss Hübner die mittelfristige Entwicklung der Eintracht vor Augen haben. Mit den deutlich gestiegenen Ansprüchen im Umfeld des Klubs kann er umgehen. Auch Hübner selbst ist nicht der Typ, der sich mit dem Erreichten zufrieden gibt. Er betont, dass der Verein immer einen „konkreten Zukunftsplan haben muss.“ Nach Jahren im Abstiegskampf oder gar in der Zweitklassigkeit, will Hübner mit der Eintracht dauerhaft einen oder zwei Schritte nach vorne kommen. „Wir dürfen uns nicht mit Platz 12 bis 15 zufrieden geben. Gleichzeitig werden wir uns nur weiter entwickeln können, wenn es gelingt, die Finanzkraft der Eintracht weiter zu steigern.“ Hübner weiß, wovon er spricht und kann dabei sowohl von seinen Erfahrungen in Wehen als auch in der Industrie bei Brita zehren. In Wehen war er – wenn auch in anderen Dimensionen – mit in den Sponsoringbereich involviert. Bei Brita war er für den Vertrieb der Wasserfilter in Europa verantwortlich und musste sich auch hier an vorgegebene Budgets halten. Erfahrungen, die ihm bei seiner Arbeit bei der Eintracht ebenfalls weiter helfen.

Sehr hilfreich für die Weiterentwicklung der Eintracht wäre auch die Qualifikation für den internationalen Wettbewerb, insbesondere natürlich die lukrative „Champions League“ – ein Begriff, der bei vielen Frankfurter Fußball-Fans noch vor wenigen Monaten nicht einmal im Sprachschatz vorhanden gewesen sein dürfte. Spiele auf internationalem Parkett würden es Hübner sicherlich auch vereinfachen, die bei der zahlungskräftigeren Konkurrenz ins Visier geratenen Spieler wie Sebastian Rode oder Sebastian Jung mittelfristig an die Eintracht zu binden. Wenn die Eintracht sich für einen internationalen Wettbewerb qualifiziert, dürften indes einige weitere Transfers in der Bilanz von Hübner dazukommen. Fünf bis sechs erfahrene Spieler seien aus seiner Sicht nötig, um die mögliche Doppelbelastung aus Ligaalltag und europäischen Auftritten meistern zu können.

Die Zeit, um seine Jungs selbst im Stadion kicken zu sehen, dürfte für Hübner dann noch weniger werden. Für Hobbys außer Fußball bleibt dem Manager schon jetzt wenig Spielraum. „Wenn ich nicht mit der Eintracht beschäftigt bin, gehört die Zeit meiner Frau.“ Bei der nicht ganz ernst gemeinten Frage, wie sie es mit einem Mann als Fußballmanager und drei kickenden Söhnen aushält, kann sich auch Hübner ein Schmunzeln nicht verkneifen. „Ich glaube, Sie hat sich sehr gut damit arrangiert und ist auch ein wenig stolz auf uns.“

Hübner wäre aber nicht Hübner, wenn er sich mit dem Erreichten zufrieden geben würde. „So unrealistisch oder utopisch dies auf Grund der finanziellen Dimensionen, mit denen die Spitzenklubs derzeit wirtschaften, auch sein mag. Einmal Deutscher Meister oder in der Champions League spielen - das wär´s“, verrät er. Doch sachlich und bodenständig wie Hübner ist, weiß er genau, dass vor ihm noch viel Arbeit liegt, bevor der Traum irgendwann einmal Wirklichkeit werden kann.