Tobias Stieler: „Das beste Gefühl ist, wenn keiner etwas von mir will“

Tobias StielerVon Thorsten Siegmund

Von dem historischen Augenblick bekommt er zunächst gar nichts mit. Dabei ist Bundesliga-Schiedsrichter Tobias Stieler an diesem Abend ganz nah dran. Es ist ein Dienstag im September, das Topspiel zwischen dem Meister und dem Vizemeister, der FC Bayern spielt gegen den VfL Wolfsburg. Zwischen der 51. und der 60. Minute trifft Stürmer Robert Lewandowski fünfmal. Die Statistiker stoppen später die Zeit: Genau 8 Minuten und 59 Sekunden liegen zwischen dem ersten und dem letzten Tor des Polen. Stieler befindet sich zu dieser Zeit in einer Art Tunnel - er ist voll konzentriert auf das Spielgeschehen. Nach jedem Tor gehen ihm die gleichen Gedanken durch den Kopf. Habe ich alles richtig gemacht, eventuell etwas übersehen? Stieler bleiben dafür nur wenige Augenblicke. Es ist für den 34-Jährigen immer derselbe Ablauf. „Ich bekomme manchmal noch mit, dass es ein schönes Tor ist, dass da gerade gefallen ist - vielmehr aber nicht“, erklärt er. Dass die fünf Bayern-Tore an diesem Abend in der Münchener Arena alle von einem Spieler erzielt werden, merkt er erst später, als sein Blick auf die Anzeigetafel fällt und dort gleich fünfmal der Name Lewandowski aufblinkt.


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Daniyel Cimen: „Ich will spektakulären Fußball bieten.“

Daniyel CimenVon Martin Batzel

„Eigentlich wäre ich ein Holländer“, sagt Daniyel Cimen. Aber so weit wäre es nur gekommen, hätte es sich sein Vater nicht noch im letzten Moment anders überlegt. Zusammen mit seiner Frau war er bereits auf dem Weg von seiner Heimat im Südosten der Türkei nach Enschede. Dort, in der Stadt nur wenige Kilometer entfernt von der niederländisch-deutschen Grenze, wartete neben einem gut bezahlten Job für den Gastarbeiter auch sein Bruder mit Familie. Daniyel Cimen, Trainer von Rot-Weiß Frankfurt, wäre eigentlich Holländer, wenn nicht der Cousin seines Vaters sich ebenfalls gemeldet hätte, als der Tross die Heimat schon verlassen hatte. Er habe gut bezahlte Arbeit im Rhein-Main-Gebiet gefunden, telefonierte er mühsam durch. Auch für Cimens Vater gebe es gute Jobs. Vater Cimen fällte eine Entscheidung. Und so endete die Reise schon nach zwei Drittel der Wegstrecke und die Familie fand im Rhein-Main-Gebiet, was das Familienoberhaupt für sich, seine Frau und die noch ungeborenen Kinder suchte: Arbeit, Wohnung und Freiheit im Glauben. Ein neues Leben in fester Behausung, nicht in selbstgebauten Hütten, frei von Verfolgung wegen ihrer christlichen Religion und ihrer Herkunft als Aramäer. Wie wäre Daniyel Cimens Weg verlaufen, wäre die Familie vor 40 Jahren an Frankfurt vorbei nach Enschede gezogen? Mit großer Wahrscheinlichkeit hätte er einen niederländischen Pass. So aber ist er Deutscher, in Hanau geboren. „Ich fühle mich als deutscher Aramäer“, sagt er. Cimen versteht, warum Menschen vor Verfolgung fliehen und Deutschland als große Hoffnung sehen. Auch für seine Familie wurde Deutschland zu einer neuen Heimat. In der alten war er noch nie. Der Besuch steht auf der Liste der Dinge, die seine drei Geschwister und er noch gemeinsam erledigen wollen.

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Harald Strutz: „Ich bin kein Alleinunterhalter“

Von Wolfgang Hettfleisch

heidelGlaubt man Sigmund Freud, so ist das Glück „die Erfüllung von Kinderwünschen“. Der Begründer der Psychoanalyse wurde sechsmal Vater, doch das meinte er nicht. Freud war überzeugt, ein glückliches Erwachsenendasein sei dem beschieden, der sich seine Kindheitsträume erfüllt. Der Einfachheit halber kann man sich einen glücklichen Menschen vorstellen wie Harald Strutz. „Wer sich im hohen Alter eine fröhliche Kindlichkeit bewahrt, der hat es geschafft – so lautet, in Abwandlung von Freud, ein Lebensmotto von mir“, sagt der Präsident des FSV Mainz 05. Dann angelt der 64-Jährige einen Keks aus der kleinen Schüssel, die eine Mitarbeiterin der Geschäftsstelle auf den Tisch in seinem Büro gestellt hat, knabbert am Gebäck und mustert sein Gegenüber mit unverhohlenem Vergnügen.

Nun mag Harald Strutz vieles sein, ein glühender Freudianer ist er sicher nicht. Es handelt sich wohl eher um die dezente Aufforderung, der Gesprächs-partner möge seiner vorgefertigten Meinung misstrauen und sich lieber ein eigenes Bild machen. Über ein Image zu verfügen, ist für Verantwortliche eines Fußball-Bundesligisten Teil des Geschäfts. Als Karl-Heinz Rummenigge einst ätzte, am Standort Mainz seien ein Dreispringer (Ex-Junioren-Weltrekordler Strutz) und ein Autoverkäufer (Manager Christian Heidel) am Werk, sollte das Geringschätzung ausdrücken. Der 05er-Präsident ist deshalb nicht böse. Er hat lange mit dem Vorstandschef des FC Bayern im Ligavorstand gearbeitet. Man kennt und schätzt sich. Und Seitenhiebe von den Münchner Allmächtigen muss man sich verdienen. Und es brauchte viel Glück und noch mehr Geschick, um überhaupt in deren Fokus zu geraten. Niemand weiß das besser als der dienstälteste Präsident der Bundesliga.

„Ein reines Zufallsprodukt“ nennt Strutz seine Wahl an die Vereinsspitze. Das war im September 1988, Deutschland gab’s noch zweimal, und der FSV Mainz 05 hatte sich – nach mehr als einem Jahrzehnt fußballerischer Bedeutungslosigkeit – soeben in der zweiten Liga zurückgemeldet. In einer turbulenten Jahreshauptversammlung wurde der damals 37-Jährige Anwalt, der gerade seine eigene Kanzlei eröffnet hatte und erstmals Vater geworden war, unerwartet zum Kandidaten befördert. „Plötzlich rief einer: Ja, Strutz. Ich war selbst überrascht“, erinnert er sich. Er erklärte sich bereit und gewann.

Ein mittlerer Erdrutsch sei das gewesen, sagt Harald Strutz. „Ich, ein ehemaliger Leichtathlet, 37 Jahre alt. Das einzige, das mich mit dem Verein verband, war der Name Strutz – durch die Präsidentschaft meines Vaters in den 50er Jahren, durch meinen Halbbruder Wolfgang, der im Beirat war, und meinen Bruder Walter, der in der A-Jugend und später bei den Amateuren gespielt hat.“ Worauf er sich eingelassen hatte, dämmerte ihm erst später. Sehr hohe Altschulden und ein Stadion in desolatem Zustand engten den Handlungsspielraum ein. „Das war ,Bruchweg‘ im wahrsten Sinne des Wortes“, sagt Strutz. Am Ende seiner ersten Saison als Präsident ging es zurück in die Drittklassigkeit. Auch nach dem sofortigen Wiederaufstieg blieb die Finanzlage prekär. 1991 verweigerte der DFB die Zweitliga-Lizenz. Die Mainzer legten Protest ein – und erhielten die Spielerlaubnis doch noch.

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