Kasper Hjulmand

Von Andreas Hunzinger

hjulmandEine Empfehlung mit Gewicht kam von Jürgen Klopp. Es war Mitte Mai. Mainz 05 suchte gerade einen neuen Trainer, nachdem Thomas Tuchel sein Amt bei den Rheinhessen nach dem letzten Spieltag der Saison 2013/14 unter einigem Getöse niedergelegt hatte. Der Name Kasper Hjulmand machte in und um Mainz die Runde, der Däne galt als Top-Kandidat, seine Verpflichtung als wahrscheinlich. In einer Kolumne in einer Mainzer Zeitung wurde eben Jürgen Klopp zitiert. Nicht, weil der Mainzer Kult-Coach und Erfolgstrainer von Borussia Dortmund in die Trainersuche seines ehemaligen Klubs involviert war. Sondern deshalb, weil er den Kandidaten Hjulmand schon live erlebt hatte. Im Rahmen des „Elite-Treffens der Uefa“ in Nyon während der Champions-League-Saison 2012/13 hatte Klopp besagten Hjulmand kennengelernt – und war hellauf begeistert von dem 42-Jährigen. „Das war super spannend mit Kasper, wir hatten sofort einen emotionalen Draht zueinander“, wurde Klopp zitiert, „und was wir da über Fußballtaktik besprochen haben, das hat nicht nur Spaß gemacht, das war sensationell. Kasper, ein extrem sympathischer, angenehmer Kerl, hat bei mir einen überragenden Eindruck hinterlassen.“ Man habe deutlich gemerkt, dass Hjulmand diesen Job von der Pike auf gelernt habe, so Klopp weiter.

Eindruck hatte Hjulmand zuvor auch schon auf Christian Heidel gemacht. Der Manager der 05er hatte den Coach des dänischen Kleinklubs FC Nordsjaelland im April 2014 kennengelernt. Damals wusste Heidel bereits, dass Tuchels Demission nicht mehr zu verhindern war. Und er wollte den Mann kennenlernen, den er als Kandidaten für die Tuchel-Nachfolge im Visier hatte. Also fragte Heidel Hjulmand, wie er denn über Fußball denke. „Seine Idee vom Fußball hat er mir in zwei Stunden eindrucksvoll dar gelegt. Und da habe ich erkannt, dass da viele Parallelen sind. Insbesondere, was die taktische Arbeit angeht“, sagt Heidel. Parallelen zu Tuchel, der Mainz in den fünf Jahren seines Wirkens die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte beschert und dem Klub eine fußballerische Identität gegeben hatte. Heidel war sich schnell sicher, dass ihm da der potenzielle neue Coach von Mainz 05 gegenüber sitzt.

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Michael Feichtenbeiner: „Ich bin lieber ein Entscheider als ein Handlanger“

von Andreas Hunzinger

Der Mann macht einen aufgeräumten Eindruck. Michael Feichtenbeiner sitzt in einem Sessel in seinem Büro im ersten Stock des Trainingszentrums auf dem Halberg in Wehen. Und er sagt: „Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich hier vorgefunden habe, wie ich in diesem Umfeld arbeiten kann. Wir haben eine Entwicklung genommen, mit der ich sehr einverstanden bin.“

Seit dem 1. Januar 2013 ist der bald 54-Jährige Sportdirektor beim Drittligisten SV Wehen Wiesbaden, und Feichtenbeiner betont, dass ihm der Job enorme Freude bereitet. Mehrfach an diesem Nachmittag fällt das Wort vom „Privileg“. Feichtenbeiner begreift es als nicht selbstverständlich, dass er vor eineinhalb Jahren die Möglichkeit erhalten hat, diese Tätigkeit zu übernehmen. Dabei hat ihn ein Wechsel von der Trainerbank in eine strategisch arbeitende Position immer schon gereizt. Aber auch, weil es in Wehen so anders läuft als bei anderen Klubs. Der Tabellenvierte der abgelaufenen Drittliga-Saison ist bereits die zweite Station für Feichtenbeiner als Sportdirektor. Somit kennt er die Unterschiede zwischen fruchtbarem Wirken und einem unter erschwerten Bedingungen. Im Sommer 2009 war er schon mal zum Sportchef bestellt worden -  beim damaligen Bundesliga-Absteiger Energie Cottbus. Nach reiflicher Überlegung hatte er den Schritt vom Trainer zum Manager gewagt. Doch die Ernüchterung folgte schnell. „In Cottbus war der Sportdirektor eher der Geschäftsstellen-Leiter“, sagt Feichtenbeiner im Rückblick. In Ulrich Lepsch gab es „einen sehr dominanten Präsidenten“, in Claus-Dieter „Pele“ Wollitz auch noch einen nicht minder machtbewussten Trainer. Für Feichtenbeiner eine wenig erbauliche Konstellation. Hinzu kam der Abstieg aus der höchsten deutschen Spielklasse in den Relegationsspielen gegen den 1. FC Nürnberg (0:3/0:2). Das sorgte für zusätzlichen innerbetrieblichen Zündstoff. Nach einem Jahr war die Episode beendet – mit Feichtenbeiners Beurlaubung.

Im Nachhinein wirkte sich das für den gebürtigen Schwaben als Glücksfall aus. Feichtenbeiner, der bereits in der Saison 2005/2006 in dem malaysischen Erstligaklub Selangor MPPJ einen Fußball-Exoten trainiert hatte, verschlug es im Dezember 2010 nach Indonesien – zum Medang Bintang FC. Wie schon in Malaysia eine aufregende, vor allem aber sehr lehrreiche Station für den gebürtigen Stuttgarter. Für jemanden, der den deutschen Organisations-Standard im Fußball gewohnt ist, bedeutete das Arbeiten im südostasiatischen Inselstaat eine große Umstellung – und damit eine mindestens so erhebliche Herausforderung. Feichtenbeiner hat das knapp eine Jahr genossen. Atmosphärisch sowieso. „Als ich kam, war der Klub abstiegsgefährdet und wir haben den Klassenerhalt noch geschafft“, berichtet er. An die Begeisterung der Fans, „zwischen 20 000 und 30 000 pro Spiel“, erinnert er sich gerne. An die Unterschiede in puncto Organisation musste er sich dagegen gewöhnen. Genau so an die Entfernungen. „Zu einem Auswärtsspiel mussten wir teilweise 8000 Kilometer fliegen“, erzählt Feichtenbeiner. Angesichts der Gepflogenheiten in Indonesien geriet er schon mal ins Staunen. „Der Busfahrer hat sich öfter verfahren oder hat auf der Fahrt zum Flughafen einfach noch mal seinen Cousin besucht“, berichtet Feichtenbeiner . Mit einem Schmunzeln erinnert er sich daran, wie er dem Busfahrer versucht hat, beizubringen, zur Abfahrt der Mannschaft doch mit einem vollgetankten Bus zu erscheinen. „Der kam immer mit einem nicht getankten Bus, dann haben wir noch 25 Minuten an der Tanke gestanden. Und dann musste er noch eine rauchen, ehe es los ging.“ So sehr sich Feichtenbeiner anfangs darüber gewundert hat, so sehr hat ihn die Zeit geprägt – und verändert. „Ich bin gelassener geworden“, sagt er. „Wir Deutschen wollen immer alles durchtakten. Man bekommt einen neuen Blickwinkel.“  Und man sammelt wertvolle Erfahrungen. Feichtenbeiner lernte, „wie es einem als Ausländer geht“. Oder dass es von enormer Bedeutung ist, es zumindest zu versuchen, die Landessprache Bahasa zu lernen und gegenüber seinen Spielern auch anzuwenden. „Damit zeigst du, dass du zu den Leuten kommst“, sagt er. Andere Dinge wiederum hat er auch schon mit einem Kopfschütteln zur Kenntnis genommen. Etwa, dass er – obwohl mit Medang Bitang in seiner zweiten Saison Tabellenführer  -  keine Zeile in der Zeitung stand, bis er begriff, „dass man einen Journalisten bezahlen muss“. Quasi als eine Art eigenen Pressereferenten. Feichtenbeiner hat das alles aufgenommen, auch die Zufriedenheit der Leute, „die nach unseren Standards schlichtweg bitter arm sind – aber trotzdem happy.“ Bewusster zu leben, das hat ihn die Zeit in Südostasien gelehrt.

Auch deshalb ist der beim SV Wehen Wiesbaden so zufrieden.  Nach insgesamt elf Trainerstation, darunter auch ein Jahr beim SV Darmstadt 98, hat er der Kurzlebigkeit dieses Jobs und dem Dauerstress abgeschworen. Nicht, dass er den Beruf verachten würde. „Ich war sehr gerne Trainer und wäre es unter Umständen auch heute noch“, sagt Feichtenbeiner. Aber er sagt auch: „Wenn, …“ Wenn er es etwa in seiner Laufbahn als Fußball-Lehrer in die Bundesliga geschafft hätte. „Oder wenn ich seit 20 Jahren Zweitliga-Trainer wäre.“ Da er aber – mit Ausnahme der Saison 1999/2000 bei den Stuttgarter Kickers in der zweiten Liga – stets in der dritten Liga zu Hause war, fiel es ihm nicht schwer, die Seiten zu wechseln. „Mit über 50 in meinem Traumjob Fußball noch mal die Chance auf ein neues Arbeitsfeld zu bekommen, war sehr spannend“, sagt Feichtenbeiner. Ein Privileg eben.

Ganz und gar, weil er es beim SV Wehen Wiesbaden gut getroffen hat. „Der Verein ist solide aufgestellt“, erklärt er. Infrastruktur und Organigramm sagen ihm zu. Vor allem die kurzen Dienstwege. Feichtenbeiner ist komplett für den Sport zuständig, nur das Präsidium um den Vorsitzenden Markus Hankammer und Geschäftsführer Georg Kleinekathöfer sind ihm überstellt. Die meisten Dinge, ob Transfers, Trainingslager oder ähnliches, regelt der Wehener Sportdirektor direkt mit dem Präsidenten und dem Geschäftsführer. Nur größere Investitionen segnet das gesamte Präsidium zusammen ab. „Ich habe es maximal mit fünf Leuten zu tun.“

Feichtenbeiner mag diese Konstellation. Sie lässt ihm das Maß an Freiheit, das er für den Job als angemessen und fruchtbar erachtet. Der Wehener Sportdirektor ist ein Mann, der gerne gestaltet, der strategisch denkt und Dinge langfristig plant. „Ich habe schon immer Entscheidungen getroffen“, sagt er. „Ich bin lieber ein Entscheider als ein Handlanger.“ Beim SV Wehen Wiesbaden gibt es viel zu entscheiden. Der Klub, der zwischen 2007 und 2009 zwei Jahre in der zweiten Liga spielte, will wieder dahin zurück. Aber nicht mit Gewalt. Feichtenbeiner nennt es „unseren Weg“. Wehen Wiesbaden will „mit jungen und hungrigen Spielern“ kontinuierlich besser werden und irgendwann auch wieder Zweitligist sein. „Nach zwei Jahren in der zweiten Liga haben wir nicht solche Wurzeln geschlagen, dass wir zwingend die Anspruch haben müssen, dort zu spielen“, sagt er. Feichtenbeiner stimmt auch nicht in das Klagelied vieler Funktionärs-Kollegen ein, die dritte Liga sei eine Todgeburt, weil nicht finanzierbar. „Sie ist ein superspannendes Produkt“, stellt er klar. Gleichwohl räumt Feichtenbeiner ein, dass es bei Wehen Wiesbaden noch manches zu tun gibt. Die Nachwuchsarbeit will er optimieren. Etwa dafür sorgen, dass die U 19 in die A-Jugend-Bundesliga aufsteigt, um im Ringen mit der Konkurrenz wie Mainz 05 oder Eintracht Frankfurt nicht zu sehr ins Hintertreffen zu geraten. Auch die Akzeptanz des SV Wehen Wiesbaden in der hessischen Landeshauptstadt ist noch ausbaufähig. „Wiesbaden verträgt Profifußball“, sagt er und gibt trotzdem im gleichen Atemzug zu bedenken: „Wir sind erst seit sechs Jahren in der Stadt ansässig. Wir verfügen nicht über eine Generation an Fankultur.“ Trotzdem glaubt Feichtenbeinber fest daran, künftig noch mehr Leute in die Brita-Arena locken zu können. „In einer Stadt von 300 000 Einwohnern muss es doch gehen, einen Schnitt von 6000 bis 7000 Zuschauern zu erzielen“, sagt er mit Nachdruck.

Dennoch stellt ihn  seine bisherige Bilanz beim SV Wehen Wiesbaden zufrieden. Im Vorjahr Platz sieben mit 51 Punkten, jetzt Platz vier mit 56 Punkten – verbunden mit dem Einzug in den DFB-Pokal. „Dazu haben wir die Mannschaft verjüngt“, sagt Feichtenbeiner. „Wir gehören zu den Top 40 in Deutschland. Es gibt zig Traditionsklubs, die hinter uns stehen.“ Dass er bisweilen an Grenzen stößt, „dass manche Idee nicht umsetzbar ist, weil wir das Geld nicht haben“, stört ihn nicht. „Man muss kreativ bleiben.“ Natürlich wünschte er sich manchmal auch einen unerschöpflichen Etat. „Aber viel Geld zu haben, kann auch bequem machen.“  Michael Feichtenbeiner ist nicht bequem geworden. Der Pendler, der einmal pro Woche zu seiner Familie nach Stuttgart fährt, arbeitet gerne viel. Er ist mit sich und seinem Job im Reinen. Und überzeugt, dass er den SV Wehen Wiesbaden ans Ziel bringen wird. Deswegen wirkt der „Priviligierte“ im grauen Sessel auch so aufgeräumt.

Christian Heidel: Der Seismograph vom Bruchweg

von Andreas Hunzinger


Seine Lebensplanung sah eigentlich ganz anders aus. Anfang der 90er hatte Christian Heidel an vieles gedacht, aber sicher nicht daran, Manager eines Fußballvereins zu werden. Zumal es diesen Job bei kaum einem Klub gab. Und wenn, dann nur bei den ganz großen im Land: Uli Hoeneß beim FC Bayern und Willi Lemke bei Werder Bremen. Aber sicherlich nicht bei Mainz 05, dem Verein vom Rhein, der damals um den Verbleib in der 2.Liga kämpfte. „Zu dieser Zeit war ich ehrenamtliches Vorstandsmitglied“, erinnert sich Heidel. Sein Geld verdiente er als Teilhaber eines BMW-Autohauses. „Die Zeitungen haben mir irgendwann den Namen Manager gegeben“, betont der mittlerweile 50-Jährige. Diesen Job erledigte er lange Zeit nur nebenbei.

21 Jahre später sitzt Heidel in einem modernen, lichtdurchfluteten Büro in der Isaac-Fulda-Allee in einem Mainzer Industriegebiet, unweit der Coface-Arena, in der der Klub seit 2011 seine Bundesligaspiele austrägt. Seit 2005 ist Heidel hauptberuflich Manager bei Mainz 05, und längst steht sein Name als Synonym für einen erfolgreichen Bundesliga-Manager. Der Sohn des ehemaligen Mainzer Bürgermeisters Herbert Heidel gilt als der Baumeister des Erfolges der 05er. Auch wenn er den so nicht erwartet hat. „Früher war ich leidenschaftlicher Fan von Borussia Mönchengladbach“, erzählt er. „Ich hätte nie gedacht, dass wir mal gegen diesen Verein im Ligaalltag spielen würden.“ Mainz war die grauste der grauen Mäuse in der zweiten Liga und Heidel quasi Mädchen für alles. „Ich habe alles gewusst: Von der Schuhgröße der Spieler bis zum Kontostand bei der Sparkasse.“ Dass es so weit gekommen ist, dass Mainz heute gegen Heidels einstigen Lieblingsklub regelmäßig um Punkte antritt, liegt zu einem erheblichen Teil daran, dass Heidel neben seiner Hingabe für den FSV Mainz 05 und seiner Überzeugungskraft auch ein Visionär ist. „Es hieß immer: Mainz ist keine Fußballstadt“, berichtet Heidel. „Ich war aber immer überzeugt: Mainz ist eine riesengroße Fußballstadt. Jede Stadt ist eine. Bei uns gab es damals nur kein Bundesliga-Angebot.“

Mittlerweile lebt und leidet der Mainzer mit „Nullfünf“. Heidel hat seine Vision umgesetzt  - und ist eines der Gesichter des Klubs. Dass Mainz 05 für kluge und weitsichtige Personalpolitik steht und als ein Erfolgsmodell für Klubs mit vergleichsweise geringem Budget steht, ist zu einem erheblichen Teil sein Verdienst. Heidel ist dennoch nicht der typische Bundesliga-Manager, die heute oft Sportdirektoren heißen. „Das war ich nie und ich habe mich auch nie so gesehen“, stellt er klar. „Die Profimannschaft ist nur ein Teil meines Aufgabengebietes.“ Heidel kümmert sich um alle Belange des Vereins. Um die Sponsoren, um Verträge, er begleitete den Bau des neuen Stadions. Sich ausschließlich um das Bundesliga-Team zu kümmern, „das wäre mir zu wenig.“ Natürlich wickelt Heidel in Mainz auch die Transfers ab, aber die sportlichen Entscheidungen überlässt er Trainer Thomas Tuchel. Auch am Trainingsplatz sieht man den eloquenten Manager selten. „Einmal in der Woche schaue ich zu“, sagt er. „Mehr nicht. Soll ich gucken, wie die Trainer trainieren? Nur wenn ich das Gefühl habe, dass etwas nicht stimmt, dann bin ich präsent.“ Grundsätzlich aber, sagt Heidel, „interessiert mich viel mehr die Weiterentwicklung des Vereins.“ Die bestimmt er mittlerweile nachhaltig. Obwohl Heidel der starke Mann in Mainz ist, versteht er sich als Teamarbeiter. „Ich habe gelernt, sehr gut zu delegieren“, sagt er. Heidel setzt in der Zusammenarbeit mit der sportlichen Leitung und sämtlichen 70 Mitarbeitern des Vereins auf Vertrauen. So wie ihm vertraut wird. „Meine Position der Stärke habe ich nur, weil das Präsidium mir vertraut.“ Seit mehr als 20 Jahren stehen Präsident Harald Strutz und seine Kollegen dem Klub vor – diese Kontinuität schafft „ein riesengroßes Vertrauen“ (Heidel). Davon profitiert auch der Manager, weil die kurzen Dienstwege Entscheidungen erleichtern und beschleunigen.

Heidel schätzt dieses Binnenklima, in dem er schalten und walten kann. Deshalb hat er sich auch nie ernsthaft mit dem Gedanken befasst, mal bei einem anderen Klub anzuheuern. Der Mainzer Weg ist seiner. Seine Vergangenheit als Autohändler kommt dem gelernten Bankkaufmann, der zudem noch Automobil-Wirtschaft studiert hat, zugute. Gar nicht mal vorrangig beim Geschäftemachen. „Diese Zeit hat mir eine große Lebenserfahrung und Menschenkenntnis gegeben“, betont Heidel. „Gerade im Profifußball ist es sehr wichtig, Leute einschätzen zu können. Auch deshalb ist Heidels Bilanz bei Spielertransfers so erfolgreich. „Ich denke, dass wir ganz gut hingucken“, sagt er. „Unser Job ist es, günstig zu kaufen und teuer zu verkaufen.“ Wie etwa Angreifer Adam Szalai, der für insgesamt 750 000 Euro einst nach Mainz kam und im vergangenen Sommer für 8,5 Millionen Euro an Schalke 04 transferiert wurde. Dass Mainz heute ein etablierter Bundesligist ist, erleichtert seine Arbeit. In den 90er-Jahren ist Heidel mit potenziellen Neuzugängen auf dem Weg vom Flughafen nach Mainz regelmäßig in Mainz-Kastel abgefahren, um über die Theodor-Heuss Brücke in die rheinland-pfälzische Hauptstadt einfahren zu können. „Wenn du von der Theodor-Heuss-Brücke kommst, hast du einen schönen Blick auf Mainz und das Mainzer Schloss“, sagt Heidel und schmunzelt. „Wenn du über die Weisenauer Brücke fährst, schaust du auf das Zementwerk.“ Die schöne Seite der Stadt zeigen - es gehörte zu Heidels Strategie, um einen Spieler für Mainz zu begeistern. Heute verhandelt der Manager in seinem Büro in der Geschäftsstelle. Die Spieler holt er nicht mehr selbst am Flughafen ab. „Im Zeitalter der Handy-Kameras geht das nicht mehr. Sonst heißt es ja gleich: Schau mal, mit wem der Heidel da sitzt.“ Verhandelt der Manager der 05er mit einem neuen Spieler, geht es erst mal nur um das Kennenlernen. „Es ist noch kein Spieler nach dem ersten Gespräch mit einem Angebot nach Hause gefahren“, erklärt Heidel. Ihm ist wichtig, dem eventuell künftigen Mainzer Profi die Philosophie des Klubs zu vermitteln und abzuklopfen, ob sie sich damit identifizieren.
 
Persönlichkeit ist Heidel sehr wichtig - auch bei Trainern. Heidel ist überzeugt, dass ein guter Trainer über eine hohe Intelligenz verfügen muss. „Das ist die Basis, dass ich Leute überzeugen kann“, sagt er.„Dazu muss die fachliche Seite stimmen. Ein Trainer in Mainz muss über eine große soziale Kompetenz verfügen. Und er braucht Ausstrahlung.“  Kommen diese Faktoren zusammen, dann, so Heidel, sei er absolut davon überzeugt, „dass auch ein Bezirksliga-Trainer in der Bundesliga trainieren kann.“ Bei Jürgen Klopp, der am Rosenmontag 2001 aus der Not heraus vom Spieler zum Trainer gemacht wurde und der den Mainzer Aufstieg als Lokomotive und Kultfigur wesentlich vorantrieb „habe ich es schon als Spieler gemerkt, dass er diese besondere Aura hat.“ Bei Thomas Tuchel stand es für Heidel nach dem ersten Treffen fest. „Das werde ich nie vergessen“, sagt er. Tuchel war im Jahr 2008 als neuer Mainzer U-19-Coach vorgesehen. „Ich überlasse die Entscheidung eigentlich unserem Jugend-Koordinator Volker Kersting“, erläutert Heidel. „Aber ich habe ein Vetorecht. Deswegen wollte ich Thomas kurz kennenlernen.“ Aus dem üblicherweise zehn Minuten dauernden Small Talk wurden eineinhalb Stunden. „Ich war hellauf begeistert. Thomas hatte einfach etwas.“ Und noch ein „weiterer kleiner Punkt“ ist Heidel wichtig, wenn es um neue Trainer geht. „Ich habe gerne körperlich große Trainer. Es ist besser, wenn der Coach gegenüber Spielern im Gespräch nicht nach oben schauen muss.“

Dass er – Parameter hin, Parameter her – bei Spielern und Trainern auch schon falsch gelegen hat, weiß Heidel. Nicht umsonst hält er es heute für seinen größten Fehler, im Herbst 1996 nach der unerwarteten Demission von Wolfgang Frank Reinhard Saftig als neuen Trainer verpflichtet zu haben. „Ich werde nie wieder populistisch entscheiden. Damals standen wir in der zweiten Liga das erste Mal auf Platz zwei, und die Leute sagten nach Wolfgangs Rücktritt: Mensch, jetzt muss der Heidel mal einen Trainer mit Bundesliga-Erfahrung holen. Dem habe ich nachgegeben. Das hat dann nicht gepasst.“ Seinen Grundsatz hat Heidel seitdem befolgt, auch wenn er dafür bisweilen medial Dresche bekam. „Als wir Kloppo zum  Trainer gemacht haben, haben alle gesagt: Hat der Heidel noch alle Tassen im Schrank? Ich habe heute noch alle Zeitungen von damals. Die hebe ich auch auf.“ Als Heidel 2009 fünf Tage vor dem Start der Bundesliga-Saison Aufstiegstrainer Jörn Andersen entließ, um dafür A-Jugendcoach Tuchel zu installieren, war das Echo ähnlich. „Da hat mich selbst unser Präsident gefragt. Wie heißt der?“, erinnert sich Heidel. Und auch in der Öffentlichkeit stieß der Manager auf großes Unverständnis. Heidel nahm in Kauf, dass er Prügel beziehen könnte. Tuchel sei „eine Überzeugungsentscheidung“ gewesen. Mit kühlem Kopf gefällt. „Mein Vater hat mal zu mir gesagt: Entscheide nie emotional“, betont Heidel. Heute kann er es, das war aber auch schon anders. Auch seine Diskussionskultur, wie er zugibt. „Früher habe ich die Leute fast umgebracht. Heute höre ich mir das an. Dann gehe ich raus. Ich glühe dann zwar innerlich, aber drei Stunden später ist es schon besser. Und am nächsten Tag ist die Emotion dann wieder weg.“ Heute diskutiere er „in der Sache hart, aber ruhig.“ Auch wenn er, was selten vorkommt, mal in der Kabine zur Mannschaft spreche, rede er bewusst sehr leise. „Dann müssen die Spieler mir zuhören.“ Von Rumschreien hält der Mainzer Manager nichts, „das ist ein Zeichen von Schwäche.“

Ruhiger ist besser, hat Heidel erkannt. Der Manager ist damit innerhalb des Klubs so etwas wie der Seismograph. „Die Mitarbeiter schauen auf mich. Wenn der Heidel ruhig bleibt, dann schaffen wir das, egal wie schwer die Zeit auch ist, sagen sie sich dann.“ Etwa in Krisensituationen. „Ich kann Druck gut aushalten“, sagt Heidel. „Diese Ruhe bekommt man, wenn man schon ganz andere Dinge erlebt hat.“ Etwa die dramatisch verpassten Bundesliga-Aufstiege 2002 und 2003. Oder den Abstiegskampf in der Saison 1995/96. Damals war Mainz nach der Hinrunde abgeschlagen Letzter der zweiten Liga, um mit Wolfgang Frank in einer furiosen Rückrunde (Tabellenerster der Rückrunden-Tabelle) am letzten Spieltag den Klassenerhalt zu schaffen. Heidel nennt die Aufholjagd und die Rettung in letzter Sekunde als sein schönstes Erlebnis bei Mainz 05. Neben dem ersten Bundesliga-Aufstieg im Jahr 2004. „Da habe ich auf dem Rasen gestanden und geheult, weil wir es endlich geschafft hatten, mit Mainz 05 in der Bundesliga zu sein.“

Mittlerweile bestreitet Heidel mit Mainz 05 das insgesamt achte Bundesligajahr, das fünfte am Stück. Die Vision lebt, auch wenn Heidel den Klub „an der Grenze“ sieht. Er hat festgestellt, „dass der Fußball dabei ist, sich total zu verändern“. Das beunruhigt ihn. Klubs wie RB Leipzig, Hoffenheim oder auch der VfL Wolfsburg, hinter denen Milliardäre oder große Konzerne stehen, machen es Klubs wie Mainz immer schwerer mitzuhalten. „Ich bin mal gespannt, wie der Fußball in 20 Jahren aussieht“, sagt Heidel. Er hat deshalb auch eine Mainzer Definition von der deutschen Meisterschaft. „Unsere Meisterschaft ist, wenn wir in den nächsten fünf Jahren in der Bundesliga spielen.“