Michael Thurk: „Ich war für Trainer schon mal unbequem“

Die Minuten fühlen sich an wie Stunden. Michael Thurk und seine Heidenheimer Teamkollegen haben mitten auf dem Spielfeld des Stadions an der Kaiserlinde einen Kreis gebildet. Sie müssen einfach nur noch warten. Warten auf das Ende des Spiels in Leipzig und darauf, ob das eigene 1:1-Unentschieden beim SV Elversberg reicht, um vier Spieltage vor Saisonschluss den erstmaligen Aufstieg in die 2. Bundesliga feiern zu können. Es fehlt nicht mehr viel, eigentlich nur noch ein Pfiff. Der ertönt an diesem Ostersamstag um 15:56 Uhr. Das Spiel in Leipzig ist zu Ende. Der Tabellendritte Darmstadt hat mit 0:1 verloren. Heidenheim kann nicht mehr von einem Aufstiegsplatz verdrängt werden. Jubelschreie sind zu hören, Sektkorken knallen. „Nie mehr dritte Liga – nie mehr, nie mehr“. Ein Song, der in den folgenden Stunden zum echten Schlager wird.

Es wird eine lange Nacht, es werden zwei lange Feiertage, in denen von Michael Thurk und seinen Teamkollegen plötzlich ganz andere Qualitäten gefragt sind als sonst, wenn sie auf dem Fußballplatz ihrer Arbeit nachgehen. Thurk kennt sich damit aus. Für ihn ist es bereits sein dritter Aufstieg. Mit Mainz und Augsburg hat er es zuvor schon geschafft – dort jeweils von der zweiten in die erste Liga. „Das ist der Lohn für die letzten drei Jahre“, sagt er. Drei Jahre harte Arbeit, in denen es der 1. FC Heidenheim immer und immer wieder versucht hat, aufzusteigen. Seit zweieinhalb Jahren mit Michael Thurk. Seit Beginn des Jahres 2012 spielt der inzwischen 37-Jährige für den Verein im östlichen Baden-Württemberg. Auf den ersten Blick ein Rückschritt nach 332 Spielen in den beiden höchsten deutschen Spielklassen. Thurk sieht es anders: „Ich hatte hier von Beginn an ein gutes Gefühl“, sagt er. Zumal auch familiäre Gründe bei der Entscheidung eine Rolle spielten und die Nähe zu Augsburg. Dort lebt Thurk seit sechs Jahren mit seiner Ehefrau Mina und seinem Sohn Leon. Täglich pendelt er über die Autobahn nach Heidenheim. Jede Fahrt dauert gut eine Stunde. Strapazen, die er gerne in Kauf nimmt. „Für meinen Sohn ist Augsburg die Heimat, in der er groß geworden ist. Er hat dort seine Freunde, spielt Fußball und Eishockey. Im Moment können wir uns nicht vorstellen, irgendwo anders hinzuziehen.“

Fußball, die eigene Karriere, steht nicht mehr über allem. Thurk ist älter und reifer geworden. Er hat sich sogar damit arrangiert, nicht mehr Woche für Woche von Beginn an auf dem Platz zu stehen. In Heidenheim kam er diese Saison oft nur als Joker zum Einsatz. „Ich nehme mich selbst nicht mehr so wichtig. Wenn ich mit meiner Erfahrung helfen kann, dann mache ich das gerne.“ Sei es durch seine Präsenz auf und neben dem Platz oder auch durch seine Tore. Zwei gelangen ihm im Aufstiegsjahr. Beide waren eminent wichtig, sie sicherten Heidenheim in den Spielen bei den Stuttgarter Kickers und in Burghausen jeweils einen Auswärtspunkt.

Eines aber hat sich nicht verändert. Michael Thurk ist weiterhin extrem ehrgeizig, er hat einen starken Charakter. Er sagt, was er denkt, auch wenn das nicht jedem gefällt. „Ich war für Trainer schon mal unbequem“, gibt er selbst zu. Das wird dem Stürmer mit der Rückennnummer 27 in seiner Karriere auch schon zum Verhängnis. Es soll bei seiner vorherigen Station in Augsburg zu seiner Suspendierung geführt haben. Und das nach vier überaus erfolgreichen Jahren, in denen Thurk am Ende der Saison 2009/2010 mit 23 Treffern zunächst Zweitliga-Torschützenkönig wird und ein Jahr später mit dem Klub sogar den Bundesliga-Aufstieg schafft. Doch auf dem Höhepunkt das Zerwürfnis. Thurk wird als Störenfried dargestellt, der für Missstimmung sorgt und gegen Trainer Jos Luhukay stänkert. „Er kann mit der Rolle des Ersatzspielers nicht umgehen“, sagt Augsburgs damaliger Manager Andreas Rettig. Dagegen wehrt sich Thurk heute noch vehement, er gibt aber auch zu. „Wenn eine Mannschaft nicht erfolgreich ist und ich trotzdem weiter draußen sitzen muss, dann mache ich natürlich auch mal den Mund auf.“

Damit muss auch ein Trainer umgehen können. Der erste, der ihn prägt, ist Winfried Mann - im Rhein-Main-Gebiet nur als „Django“ bekannt. Er coacht Thurk Ende der Neunziger beim SV Jügesheim. „Er hat mich damals in die Spur gebracht, mir gezeigt, auf was es ankommt, wenn man Profifußballer werden will“, erinnert sich Thurk. Er ist es auch, der 1999 den Wechsel nach Mainz einfädelt, dem Beginn von Thurks Karriere als Fußballprofi – mit 23 Jahren. „Ich wollte lange Zeit einfach nur mit meinen Kumpels zusammen spielen und habe keinerlei Gedanken an eine Profikarriere verschwendet.

Doch plötzlich steht der Spätstarter bei einem Zweitligisten unter Vertrag und spielt in einer Mannschaft mit Jürgen Klopp. Da beide zu dieser Zeit in Frankfurt wohnen und den gleichen Weg zum Training haben, bilden sie schon bald eine Fahrgemeinschaft. „Während der Fahrten hatten wir uns immer viel zu erzählen, daraus ist schon ein intensives Verhältnis geworden“, erinnert sich Thurk. Das ist bis heute geblieben. Erst kürzlich, als Jürgen Klopp als neuer Trainer des FC Barcelona gehandelt wird, greift Thurk zum Handy und tippt eine SMS an seinen früheren Mitspieler und Coach. „Ich habe ihm geschrieben, dass ich es als Barca-Fan sehr begrüßen würde, wenn er das macht.“

Zusammengeschweißt hat auch die Zeit, als Klopp 2001 das Traineramt in Mainz übernimmt, als er aus einem Abstiegskandidaten einen Aufstiegsanwärter formt, der drei Anläufe benötigt, um den Sprung in die 1.Liga zu schaffen. Es sind die Tore von Thurk, die Mainz am letzten Spieltag der Saison 2003/2004 schließlich in die 1.Liga bringen. Im entscheidenden letzten Saisonspiel gegen Eintracht Trier trifft der gebürtige Frankfurter doppelt. 3:0 heißt es am Ende. Die anschließende Aufstiegsparty kann Thurk jedoch nicht uneingeschränkt genießen, schließlich hat er mit seinen Toren Energie Cottbus die letzte Aufstiegshoffnung genommen. Ausgerechnet dem Klub, bei dem Thurk einige Wochen zuvor unterschrieben hat. „Das war damals schon eine kuriose Situation. Und trotzdem habe ich keine Sekunde darüber nachgedacht, was ich damit vielleicht anrichte, schließlich stand ich noch bei Mainz unter Vertrag.“

Während die 05er plötzlich erstklassig spielen, muss Thurk für seinen neuen Verein weiterhin in der 2.Liga ran. Doch nur ein halbes Jahr lang. Mainz fehlt in der 1.Liga die Durchschlagskraft in der Offensive, Thurk plagt sich mit einer langwierigen Kieferverletzung, die seinen Durchbruch in Cottbus verhindert. Im Winter ist das Kapitel schon wieder beendet. Thurk kehrt zurück, zahlt einen Teil der Ablösesumme sogar selbst, einen mittleren fünfstelligen Betrag. „Das Geld habe ich am Saisonende aber wieder zurückbekommen“, betont Thurk. Mit sechs Toren in 13 Spielen schießt er Mainz zum Klassenerhalt. Eine Investition, die sich für beide Seiten lohnt.


Thurk bereut keinen Schritt in 15 Jahren Profifußball. Auch nicht den Wechsel zu Eintracht Frankfurt im Sommer 2006. „Frankfurt ist meine Heimatstadt, die Eintracht war schon als kleiner Junge mein Verein. Bereits auf dem Bolzplatz habe ich davon geträumt, dort einmal Spieler zu sein. Ich hätte mich schon geärgert, wenn ich es nie versucht hätte“, sagt er. Nach einem furiosen Debüt und einem Hattrick im UEFA-Cup-Spiel gegen Brøndby IF verliert Thurk schon bald seinen Stammplatz und ist im Sturm nur noch zweite Wahl.

 
Eine Rolle, die er acht Jahre später in Heidenheim akzeptiert hat und doch weiß Thurk nicht, ob er sich wirklich uneingeschränkt über den dritten Aufstieg seiner Karriere freuen soll. Zu präsent sind noch die Erinnerungen an seine Zeit in Augsburg und in Mainz, als der Aufstieg gleichbedeutend mit seinem Abschied war. Das könnte auch diesmal so sein, denn Thurks Vertrag läuft im Sommer aus. „Ich fühle mich sehr wohl hier“, sagt er und macht kein Geheimnis daraus, dass er gerne bleiben würde. Thurk: „Doch diesmal liegt es nicht in meiner Hand.“ Nur eines ist klar. Aufhören wird er in diesem Sommer nicht – die angestrebte Karriere als Trainer muss noch warten. „Es gibt doch nichts Schöneres als Fußballprofi zu sein. Solange mein Körper noch mitmacht, denke ich keine Sekunde an ein Karriereende.“ Erst recht nicht, wenn man solche Momente wie dieses Jahr an Ostern in Elversberg erleben darf. Gerade diese machen Michael Thurk Lust auf mehr.

Kevin Pezzoni: „Ich lasse mir von ein paar Idioten nicht meine Karriere kaputt machen“

Von Thorsten Siegmund

Über die schwerste Zeit seines Lebens spricht Kevin Pezzoni nur ungern. „Ich habe mich damals gefühlt wie der Depp der Nation“, sagt er. Ein Satz, der tief blicken lässt und zeigt, wie es vor eineinhalb Jahren noch in ihm aussah. In seiner Zeit als Spieler beim 1. FC Köln, als ihn eine kleine Gruppe sogenannter Fans aus der Domstadt regelrecht verjagte. Die Anfeindungen gipfelten in einer Karnevalsschlägerei, weiteren Gewaltandrohungen und in massivem Polizeischutz.  Irgendwann war das Maß voll. Pezzoni kapitulierte und löste seinen Vertrag auf. Mobbing und Hetzjagd waren zwei Begriffe, die in der Berichterstattung danach immer wieder fielen.

Im März 2014 sitzt Kevin Pezzoni eines mittags auf der Tribüne am Trainingsplatz des 1.FC Saarbrücken. Die Sonne strahlt ihm ins Gesicht, in der Ferne sind die Flutlichtmasten des alterwürdigen Saarbrücker Ludwigsparkstadions zu erkennen. Seit zwei Monaten ist das hier Pezzonis neue Heimat. Im Saarland versucht er neu anzufangen – in der 3.Liga. Er wohnt nur ein paar Gehminuten von der Sportanlage entfernt. Man kann spüren, dass die Vorfälle damals in Köln ihn noch immer beschäftigen, wenn auch nicht mehr ganz so intensiv wie noch vor ein paar Monaten. Die Selbstzweifel sind weg, er wirkt wieder kämpferisch, wenn er sagt: „Ich lasse mir doch von so ein paar Idioten meine Karriere nicht kaputt machen.

Er versucht die Monate zwischen Januar und September 2012 als Lebenserfahrung abzulegen, das Positive zu sehen. Pezzoni will sich nicht unterkriegen lassen. Schließlich verbindet er mit Köln noch viel mehr, als nur die Hetzjagd am Ende dieser Zeit. Dort hat er immer noch viele Freunde und auch die Liebe seines Lebens kennengelernt – Freundin Justin. Beide wollen in diesem Sommer heiraten – ausgerechnet in Köln. Über Karneval waren sie gerade erst wieder da. Vielleicht soll der Lebensmittelpunkt irgendwann wieder komplett dorthin verlegt werden. „Ich hatte eine wunderschöne Zeit in der Stadt, vier tolle Jahre – bis auf das Ende“, sagt er.

Pezzoni, der in Frankfurt geboren ist, gilt schon in der Jugend bei Eintracht Frankfurt als hochtalentiert. Das bemerken auch Scouts aus der englischen Premier League. Mit 15 Jahren wechselt er auf die Insel, spielt vier Jahre lang in den verschiedenen Nachwuchsteams der Blackburn Rovers, bis Kölns damaliger Trainer Christoph Daum Anfang 2008 auf ihn aufmerksam wird und ihn ins Rheinland lockt. Danach geht alles rasend schnell. Zwei Monate später debütiert Pezzoni in der 2.Liga und schafft mit dem FC am Saisonende den Aufstieg in die Bundesliga. Er wird Stammspieler. Alles läuft perfekt. Bis zum Frühjahr 2012. Die Euphorie in der Stadt ist weg. Köln taumelt dem Abstieg entgegen.

Mitten in der Karnevalszeit werden Pezzoni und einige seiner Teamkollegen auf einer Feier von Fans abgepöbelt. Die Anhänger haben kein Verständnis dafür, dass sich ihre Vorbilder mitten im Abstiegskampf beim Karneval amüsieren. Während es seine Mitspieler noch auf eine andere Feier zieht, bleiben Pezzoni und seine Freundin. „Als meine Freundin kurz weg war, stand plötzlich einer vor mir und haute mir mit der Faust mitten ins Gesicht“, erinnert sich Pezzoni. Der Schlag sitzt, die Nase ist gebrochen. Ein Vorfall, der nicht nur körperlich weh tut. Auf dem Platz verschwindet in den folgenden Wochen die Leichtigkeit, die Souveränität. Bei jedem Fehler nimmt der Unmut gegen Pezzoni zu, die Fans haben ihren Sündenbock gefunden. Köln steigt am Saisonende nach vier Jahren aus der Bundesliga wieder ab. „In anderen Vereinen freut man sich, wenn jemand nach dem Abstieg bleibt, hier war das anders“, sagt er.
       
Im August lauern ihm fünf Männer vor seiner Haustür auf. Die schwarz vermummten Personen fordern ihn auf, raus zu kommen und heften einen Zettel an sein Auto. Darauf steht: „Pass auf, wenn es dunkel ist. Wir holen Dich!“ Inzwischen hat sich auch eine Facebook-Gruppe gegründet, in der zur Gewalt gegen Pezzoni aufgerufen wird. Beim Training am nächsten Morgen ist die Polizei mit mehreren Streifenwagen vor Ort, um Pezzoni zu schützen. Für den damals 23-Jährigen ist eine Grenze überschritten. Er entschließt sich dazu, seinen Vertrag beim 1.FC Köln aufzulösen. Trainer Holger Stanislawski hat Verständnis für den Schritt. Auf einer emotionalen Pressekonferenz sagt er. „Es sind hier Dinge vorgefallen, die Kevin das Fußballspielen in diesem Klub nicht mehr ermöglichen.

Für Pezzoni geht es aber um mehr. Er denkt in diesen Tagen ernsthaft darüber nach, ganz hinzuschmeißen, mit dem Fußball aufzuhören. Selbstzweifel gehen ihm durch den Kopf. „Ich habe mich natürlich gefragt, was ich selbst falsch gemacht habe. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen. Aber keiner konnte sich diesen Hass gegen meine Person erklären“, sagt er. Pezzoni braucht Abstand. Mit seiner Freundin verschwindet er für einen Monat in eine einsame Hütte in die Schweiz. Dort reden sie viel, machen sich Gedanken über die Zukunft. Schließlich gehen sie zurück nach England, doch Pezzonis Bauchgefühl sagt ihm, dass er hier nicht bleiben will. Er fasst den Entschluss, nach Deutschland zurückzukehren und es noch einmal als Fußballer in der Bundesliga zu versuchen. An Angeboten mangelt es nicht – und trotzdem findet er zunächst keinen neuen Verein. „Ich habe gemerkt, dass nach den Vorfällen in Köln viele Vereine Angst hatten, mich zu verpflichten. Das ist eigentlich traurig, aber es war so“, erinnert er sich.

Ereignisse, die wieder nicht ganz spurlos an Pezzoni vorbeigehen. Denn der 25-Jährige ist ein emotionaler und sensibler Mensch. Er braucht den familiären Rückhalt, um sich voll und ganz auf Fußball konzentrieren zu können. Seine Freundin Justin ist die wichtigste Bezugsperson in seinem Leben. Sie ist immer an seiner Seite, egal wo er gerade spielt. Genau wie seine Eltern, Vater Franco, ein Italiener und Mutter Elke, mit denen er täglich telefoniert. Einmal in der Woche ist er zu Besuch bei ihnen in Walldorf mitten im Rhein-Main-Gebiet. Dort, wo er groß geworden ist.

Vertrauen braucht Pezzoni auch auf dem Fußballplatz von seinem Trainer. Das spürt er erstmals wieder Ende des Jahres 2012, als sich Karsten Baumann sehr um ihn bemüht. Baumann ist zu dieser Zeit Trainer beim Zweitligisten Erzgebirge Aue. Er möchte Pezzoni unbedingt zu den Veilchen holen. Diesmal ist das Bauchgefühl gut, Pezzoni unterschreibt und kehrt in den deutschen Profifußball zurück. Wie es der Zufall so will, muss er im ersten Spiel für seinen neuen Verein ausgerechnet in Köln antreten. Aue verliert das Spiel mit 1:2, Pezzoni feiert trotzdem ein starkes Debüt, ihm gelingt der zwischenzeitliche Ausgleich - ein Stück Vergangenheitsbewältigung. Ein halbes Jahr spielt er regelmäßig, bis Baumann entlassen wird.  Nach Meinungsverschiedenheiten mit Nachfolger Falko Götz verliert Pezzoni seinen Stammplatz. „In der Winterpause hat er mir dann gesagt, dass ich mir einen neuen Verein suchen kann.

Den hat er nun im Saarland gefunden. Beim 1.FC Saarbrücken schätzen sie seine Qualitäten, Pezzoni ist auf Anhieb Stammspieler geworden. Daran änderte auch ein erneuter Trainerwechsel nichts. Milan Sasic, der Pezzoni im Winter holte, wurde drei Spiele später schon wieder entlassen. Sein einstiger Assistent Fuat Kilic ist jetzt der Chef. Pezzonis Rolle hat sich nicht verändert. Kilic vertraut ihm und setzt den 25-Jährigen als Innenverteidiger ein. Der zahlt das mit Leistung zurück und gibt der zuvor anfälligen Defensive neue Stabilität. Seinen eigenen Anspruch, eine Führungsrolle zu übernehmen, untermauert er nicht nur in den Spielen, sondern auch bei der täglichen Arbeit auf dem Trainingsplatz. Pezzoni spricht viel mit seinen Teamkollegen, er gibt lautstark Anweisungen. Gemeinsam mit dem Verein hat er bis zum Sommer eine Mission. Der Abstieg in die Regionalliga soll verhindert werden. Es geht um die Existenz des Klubs. Dass er dabei plötzlich zwei Klassen tiefer spielt als noch vor zwei Jahren, stört ihn nicht. Pezzoni: „Vielleicht musste ich so auf die Fresse fallen, um das, was ich mache, mehr schätzen zu wissen. Heute weiß ich mehr den je, was für ein Geschenk es ist, Profifußballer zu sein. Egal in welcher Liga.

Einen Vertrag in Saarbrücken hat er erstmal nur bis zum Saisonende, Gedanken an die Zeit danach blendet er noch aus. Aber er sagt auch:  „Es muss doch das Ziel eines jeden Fußballers sein, Samstag um halb vier spielen zu wollen.“ Worte, die kämpferisch klingen und genauso gemeint sind. Pezzoni will dorthin zurück, wo er einmal war – in die Bundesliga. Schafft er es wirklich, könnte er stärker sein, als je zuvor. Nach allem, was er mit seinen 25 Jahren schon erlebt hat.

Daniel Baier - Ich bin fit wie noch nie

Daniel Baier - „Ich bin fit wie noch nie“

Von Thorsten Siegmund

Daniel-Baier Das laute Gegröle ist sogar im Presseraum gleich nebenan zu hören, der durch eine dicke weiße Wand von der Mannschafts-kabine des FC Augsburg getrennt ist. Das Vormittagstraining ist gerade vorüber, die Profis haben sich vor dem Fernseher in der Kabine versammelt und schauen Tennis - das Viertelfinale der Australian Open. Andy Murray gegen Roger Federer. Auch Daniel Baier schaut gebannt zu. Der 29-Jährige sitzt inmitten der Spielertraube. Es läuft die entscheidende Phase des Matches, jede gute Aktion wird bejubelt. Der 29-Jährige ist nicht nur selbst Leistungssportler, er schaut auch gerne anderen dabei zu. Tennis mag er, Basketball und natürlich Football. Baier ist Fan der San Francisco 49ers, die gerade den Kampf um die begehrte Super Bowl-Trophäe verloren haben. Eine Leidenschaft, die in den 90ern begann, als ihm seine Tante eine dicke Daunenjacke der 49ers aus den USA mitbrachte. „Damals war es das Coolste, damit rumzulaufen. Ich war der König des Schulhofs“, erinnert er sich. Es war die Zeit, in der er mit seiner Familie noch am Rande des Rhein-Main-Gebiets in Aschaffenburg lebte und bei der Viktoria spielte.

Seitdem ist viel passiert. Baier ist seit zehn Jahren Profifußballer. Er ist Führungsspieler bei einem Bundesligisten. Aus der Mannschaft des FC Augsburg ist er nicht mehr wegzudenken. Seitdem der Club vor zweieinhalb Jahren in die Bundesliga aufgestiegen ist, hat Baier 83 von 85 möglichen Bundesliga-Partien bestritten – er fehlte nur zweimal gelb gesperrt. „Es ist meine sportlich beste Zeit, die ich in Augsburg erlebe. Ich fühle mich fit wie noch nie“, sagt Baier, der im April seinen 30. Geburtstag feiert.