Jermaine Jones - Die Eintracht wäre der einzige Verein in Deutschland, zu dem ich nochmal wechseln würde

Die Eintracht wäre der einzige Verein in Deutschland, zu dem ich nochmal wechseln würde.

Von Sebastian Rieth

Jermaine-JonesFast hätte Jermaine Jones diese schier aussichtslose Wette doch noch für sich entschieden. Im Sommer hatte er dem Schalker Sportdirektor Horst Heldt die Hand darauf gegeben, in der kommenden Bundesliga-Saison nicht mehr als vier Gelbe Karten zu kassieren. Für ein Raubein wie Jones eigentlich ein hoffnungsloses Unterfangen. „Aber ich habe mich geändert“, insistiert der Abräumer im Mittelfeld mit einem Anflug von Stolz. Natürlich fege er, wenn es sein muss, immer noch dazwischen, von seiner Zweikampfstärke, dem kompromisslosen Einsatz will er nichts einbüßen. Doch Jones ist cleverer geworden, er hat dazugelernt. Die Marke der Wette purzelte erst am 25. Spieltag.

Der Mann, der einst auf dem besten Weg zum chronischen Rüpel der Fußballnation schien, hat dem Draufgängertum abgeschworen. Beruflich, wie privat. Jones, mittlerweile 31, ist mit dem Alter ruhiger geworden. Die Zeiten, in denen er die schnellen Autos wie andere Menschen ihre Unterhosen wechselte, sind vorbei. Statt Nobelkarossen fährt Jones jetzt einen Multivan. Bei fünf Kindern ist das ganz praktisch. „Ich verbringe mehr Zeit auf dem Spielplatz als in Szene-Cafés“, sagt Jones und weiß, dass das auch schon ganz anders gewesen ist. Zu Beginn seiner Karriere, als er noch für die Frankfurter Eintracht spielte, „konnte man zum Feiern rausgehen und am nächsten Tag wieder frisch dastehen. Heute brauche ich zwei, drei Tage, um mich wieder zu finden.“ Jones habe gelernt, seinen Körper zu pflegen. Man müsse aufpassen, dass die Zeit einen nicht einhole, sagt er.

Die Familie nimmt bei dem Wahl-Düsseldorfer einen großen Stellenwert ein. Plötzlich muss er sich nicht mehr gegenüber irgendwelchen dahergelaufenen Journalisten oder Fans rechtfertigen. Mittlerweile stellen Ehefrau und Kinder die Fragen. Jones hat den Unterschied begriffen. Als er vor gut einem Jahr im Pokal dem damals noch im Gladbacher Trikot auflaufenden Jungstar Marco Reus absichtlich auf den gebrochenen Zeh stieg und sein Fehlverhalten eine ganze Fußballnation schockierte, begann eine unglaubliche Hetzkampagne. Was Jones am meisten bedrückte: Seine Kinder mussten ihn in der Schule verteidigen. Der Familienvater erinnert sich: „Ich habe ihnen gesagt: ‚Was der Papa da gemacht hat, war wirklich dumm.‘“

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Patrick Ochs - Im Herzen werde ich immer Frankfurter sein

"Im Herzen werde ich immer Frankfurter sein"

Patrick OchsDer Weg führt von der Autobahn A6 an Dielheim und Horrenberg vorbei Richtung Zuzenhausen. Kurz vor der Abzweigung in die 2146 Seelengemeinde im nördlichen Baden-Württemberg hat der Reporter Glück. Die Landstraße ist für die Krötenwanderung erst in den Abendstunden wieder gesperrt. Fährt man die Horrenberger Straße dann weiter entlang, fällt es schwer zu glauben, dass man in wenigen Kilometern am Ortseingang von Zuzenhausen in einem der modernsten Trainingszentren der Fußballbundesliga landen wird. Hier ist seit 2009 das Profiteam der TSG 1899 Hoffenheim beheimatet. Und seit acht Monaten auch Patrick Ochs.

So wirklich glücklich wirkt er nicht, seitdem er Eintracht Frankfurt im Sommer 2011 verlassen hat. Denn mit dem Abschied aus der Rhein-Main-Region und dem Aufbruch in eine neue Fußballwelt hat sich für den Rotschopf einiges verändert. Ochs hat seinen Stammplatz gegen die Reservistenrolle eingetauscht. Letzte Saison kam er im Trikot des VfL Wolfsburg nur auf 13 Einsätze, dieses Jahr im Kraichgau werden es am Ende auch nicht viel mehr sein.

Mit etwas Wehmut denkt der 28-Jährige an seine Zeit bei den Hessen zurück. Rund zwei Jahrzehnte lang waren Ochs und der Traditionsverein vom Main ein fast unzertrennliches Paar. Von 1991 bis 2011 kickte Ochs am Riederwald – unterbrochen von zwei Jahren bei der U23 des FC Bayern München. „Ich bin hier aufgewachsen und werde im Herzen immer Frankfurter sein, egal, wo es mich in meiner Karriere noch hinverschlagen wird“, betont er.
Ochs sagt es ohne Groll, auch wenn er durchaus Grund dazu hätte, da sein Abschied nicht ganz geräuschlos verlief. Es war im Frühling 2011 - die Eintracht steckte gerade im Abstiegskampf, als durchsickerte, dass Ochs die Ausstiegsklausel in seinem Vertrag gezogen hatte. Der bevorstehende Wechsel des gebürtigen Seckbachers verärgerte die Anhänger. Die Fans machten ihrem Unmut lautstark Luft. Ochs wurde zum Buhmann – in den letzten Saisonspielen begleitete ihn ein Pfeifkonzert.  „Die Enttäuschung der Leute kann ich noch heute nachvollziehen“, sagt er. „Aber einige Dinge, beispielsweise persönliche Beleidigungen über meine Facebook-Seite, gingen unter die Gürtellinie. Zudem sollten auch die Fans akzeptieren, dass Fußballprofi ein Job ist, den ein Spieler nur wenige Jahre ausüben kann. Das Angebot aus Wolfsburg war zu dem Zeitpunkt, zu dem ich die Entscheidung zu treffen hatte, sportlich und finanziell so attraktiv, dass ich mich dafür entscheiden musste.“

Leicht fiel das dem Rotschopf nicht. In der Mainmetropole lernte Ochs das Fußballspielen und reifte später zum gestandenen Bundesligaprofi. Mit sieben Jahren trug er zum ersten Mal das Eintracht-Trikot. „Mit 14 oder 15 wurde ich regelmäßig in die DFB-Auswahlmannschaften berufen.  Da habe ich dann gemerkt, dass es für ganz oben reichen könnte“, erinnert er sich. So wie bei seinem Onkel Thomas Klepper, der in den 80er Jahren für Darmstadt 98 und die Eintracht spielte.

Doch nach seinem letzten Jahr bei den U19-Junioren verließ Ochs plötzlich seine Heimat. 2002 hatte ihm der Verein ein neues Angebot vorgelegt. Ochs sollte bei den Eintracht-Profis trainieren und in der U23 Spielpraxis sammeln. Zeitgleich kam eine Anfrage der Bayern. „Da man als Fußballer wohl nur einmal im Leben eine Chance beim FC Bayern München bekommt, habe ich mich für diese Option entschieden“, erinnert er sich. Auch bei den Münchenern musste er sich mit der Doppelrolle zufrieden geben. In der Regionalliga-Mannschaft beackerte Ochs als Rechtsverteidiger die Außenbahn, beim Training und in den Testspielen lernte er von den Profis. Eine echte Chance, oben anzugreifen, bekam er nicht. „Willy Sagnol war mir dann doch in einigen Bereichen leicht überlegen“, merkt Ochs mit einem Schmunzeln an.

Zwei Jahre spielte er an der Säbener Straße, dann kehrte er 2004 nach Frankfurt zurück. Die Eintracht war gerade in die 2.Liga abgestiegen. Für Ochs war es der richtige Schritt. Unter Friedhelm Funkel reifte er zum Stammspieler und hatte maßgeblichen Anteil am direkten Wiederaufstieg. Mit 21 Jahren war er in der 1.Liga angekommen.  Es ging weiter bergauf - für die Eintracht und auch für Ochs. Am Ende der Saison 2006/2007 qualifizierte sich der Verein für den europäischen Wettbewerb. „Der Aufstieg in die 1. Liga, das Pokalfinale in Berlin gegen den FC Bayern, und die Auftritte im UEFA-Cup waren die Höhepunkte meiner Frankfurter Zeit. Aber auch viele Auswärtsspiele mit mehreren tausend Frankfurter Fans im Rücken bleiben unvergesslich“, erzählt Ochs. Er wurde Kapitän der Eintracht und gelangte sogar in den Dunstkreis der Nationalmannschaft.
 Die Saison 2010/2011 wurde seine vorerst letzte bei der Eintracht. Nach einer furiosen Hinrunde unter Trainer Michael Skibbe taumelte der Klub in der Rückrunde der Abstiegszone entgegen. Skibbe musste gehen, und mit Christoph Daum wurde der vermeintliche Retter geholt. Doch der Überraschungscoup blieb wirkungslos. Nach dem letzten Spieltag war der Abstieg der Hessen besiegelt und damit auch der Abschied von Patrick Ochs.

Sein Wechsel zum VfL Wolfsburg sollte nicht nur finanziell einen Quantensprung bedeuten. „Ich wollte mit dem VfL endlich dauerhaft international spielen und mich entsprechend weiter entwickeln“, erklärt der 28-Jährige. Doch nach nur einem Jahr mit wenig Einsatzzeit und einem sportlich enttäuschenden 8. Platz in der Bundesliga geriet Ochs bei den Niedersachsen aufs Abstellgleis. „Da ich ein Freund der offenen Worte bin und Felix Magath keinen kritischen Profi in seinem Team wollte, hat er mich in der Sommerpause kalt gestellt und mir erklärt, dass er – trotz Vertrag bis 2015 - nicht mehr mit mir plant“, so Ochs. Differenzen über eine Verletzung von Ochs, die Magath nicht als Argument für seine fehlende Spielpraxis zählen lassen wollte, führten zum Zerwürfnis zwischen Trainer und Spieler.

Ochs ließ sich zum Ligakonkurrenten  nach Hoffenheim ausleihen. Doch auch im Kraichgau  unter Markus Babbel lief es nicht viel besser.  „Er hat mir viel versprochen, aber wenig gehalten“, sagt Ochs.  Seine Situation besserte sich, als Babbel durch Marco Kurz ersetzt wurde. Ausgerechnet im Auswärtsspiel in Frankfurt, bei seinem Ex-Klub, durfte Ochs Ende Januar über 90 Minuten ran - es war erst das zweite Mal in der laufenden Saison. Ochs spielte auf der ungewohnten Position des Linksverteidigers. Bei jedem Ballkontakt wurde er von den Eintracht-Fans ausgepfiffen - ein Spießrutenlauf.
Wie es für Ochs nach dieser Saison weiter geht, steht derzeit noch nicht fest. „Ich bin für alle Angebote offen, wobei der VfL Wolfsburg mein erster Ansprechpartner bleibt.“ Eine Rückkehr zur Eintracht will er nicht ausschließen, er bezeichnet es aber als „unwahrscheinlich“, auch wenn Frankfurt und das Rhein-Main-Gebiet immer seine emotionale Heimat bleiben werden. Ochs besitzt ein Haus in Dreieich-Buchschlag. Freie Tage nutzt er, um seine Familie zu besuchen. Er hat jetzt einen zusätzlichen Grund – Ochs ist seit letztem Jahr stolzer Familienvater. Freundin Nina brachte den gemeinsamen Sohn Lennie zur Welt.

So oft es geht, pendelt er die rund 100 Kilometer zwischen Dreieich und Hoffenheim. Im Trainingszentrum in Zuzenhausen hat Ochs ein Zimmer bezogen. Sollte es mit dem Fußball irgendwann nicht mehr klappen, hat der Fachabiturient schon konkrete Vorstellungen, wie seine Karriere dann aussehen könnte: „Ich könnte mir gut vorstellen, ins Immobiliengeschäft einzusteigen und mit sanierungswürdigen Objekten zu handeln.“ Doch das ist noch weit weg. Derzeit möchte Ochs nur eins – einen Verein, bei dem er wieder regelmäßig Fußball spielen darf. Wenn möglich, auf seiner geliebten rechten Außenbahn.