Sebastian Jung – „Die Menschen in Wolfsburg sind gelassener“

Von Andreas Hunzinger

jungDer 30. August 2014 war für Sebastian Jung ein besonderer Tag. Oder besser: ein sonderbarer. Am 2. Spieltag der laufenden Bundesliga-Saison gastierte Eintracht Frankfurt beim VfL Wolfsburg, und Jung war wie immer mittendrin. Diesmal nur eben nicht im Trikot mit dem Adler auf der Brust, sondern im grünen Dress des Werksklubs. Jung verhehlt nicht, dass es für ihn ein merkwürdiger Moment war, als beide Mannschaften das Feld der Wolfsburger Arena betraten und seine alten Kollegen und Kumpels plötzlich als Gegner antraten. „Das war schon ein komisches Gefühl“, bekennt der 24 Jahre alte Außenverteidiger. Dass es Jung komisch vorkam, nicht im Eintracht-Trikot aufzulaufen, verwundert nicht. „Sebi“, wie er in Frankfurt nur gerufen wird, ist Hesse durch und durch, galt als Synonym für den in der Rhein-Main-Region verhafteten Eintracht-Profi und bei der Eintracht als Vorzeige-Talent. 16 Jahre spielte Jung für die Frankfurter, im zarten Alter von acht Jahren war er vom 1. FC Königstein, wo er mit vier die ersten Schritte als Fußballzwerg gemacht hatte, in die Nachwuchsschmiede der Adlerträger gewechselt.  Das verbindet.

Nun sind Frankfurt und das ­Rhein-Main-Gebiet Vergangen­heit. Im zurückliegenden ­Sommer hat Jung seine geliebte Heimat verlassen, Freunde und Familie sind im Alltag jetzt 365 Kilometer entfernt. Und als ob ihm das Schicksal das wenige Wochen nach seinem Umzug in die VW-Stadt nochmals verdeutlichen wollte, führten die Spielplaner der Bundesliga seinen neuen und seinen alten Klub am Saisonanfang gleich zusammen. Ein Spiel, das Jung nicht so schnell  vergessen wird. Nicht nur, dass seine alten Kollegen plötzlich seine Kontrahenten waren. Jung war am 2:2 beider Teams ent­scheidend beteiligt. Beim ersten Frankfurter Tor fälschte er den Ball nach einem Frei­stoß von Takashi Inui mit dem Rücken ins eigene Tor ab, beim zweiten kam er im Kopfballduell gegen den Torschützen Vaclav Kadlec einen Schritt zu spät. Manche Spötter behaupteten hinterher, Jung habe noch nicht vollends realisiert, dass er kein Eintrachtler mehr sei. „Das Spiel ist für mich unglücklich gelaufen“, sagt er, „ich bin froh, dass das Spiel vorbei ist. Ich habe die Erfahrung gemacht.“ Und ein klein bisschen Eintracht hat er ja mitgenommen: Auch beim VfL Wolfsburg trägt Jung die Rückennummer 24.

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Shkodran Mustafi - Weltmeister aus dem hessischen Bebra

Von Martin Batzel

mustafiGut 950 Kilometer sind es von Bebra nach Genua, der Weg ist einfach: Bei Bad Hersfeld auf die A 4, dann am Kirchheimer Dreieck weiter auf die A 7 – und von dort aus geht es nur nach Süden um Ulm herum, über Liechtenstein und Mailand bis ans Meer. Die malerische Strecke führt über endlos viel Asphalt und durch halb Europa, unter acht Stunden schafft Shkodran Mustafi sie nie, probiert hat er es. „Aber nie haben sie mich geblitzt.“ Das hat er seinem Vater Kujtim Mustafi voraus. Der hatte versucht, die Acht-Stunden-Marke zu knacken und zahlte auf dem Weg in den Süden zum Sohn schon mal 250 Euro in der Schweiz – plus 15 Euro für die Überweisung.  Der Blick des Vaters zu seinem Sohn beim Treffen im Bibercafé im Zentrum Bebras sagt alles: „Von wegen Du bist noch nie geblitzt worden - ich glaube dir kein Wort.“ Offen bleibt während des gut 90 Minuten dauernden Gesprächs im Café nahe des Rathauses der osthessischen Kleinstadt, wer richtig liegt.

Seit ein paar Tagen ist Genua Vergangenheit. Die Zukunft heißt Valencia. Dort hat der hessische WM- Teilnehmer einen Fünf-Jahres-Vertrag unterschrieben. Dass der spanische Klub die richtige Wahl für die Zukunft ist, darin sind sich Vater und Sohn einig. „Es ist eine Bestätigung, wenn einer hinter Dir her ist, der selbst einer der besten Spieler Europas auf dieser Position war und weiß, was dort verlangt wird”, sagt Shkodran Mustafi über die Bemühungen von Valencia-Manager Roberto Ayala, der mit Valencia 2002 und 2004 spanischer Meister wurde. Auch wenn der Verein von der Mittelmeerküste seinen letzten großen Titel, den Uefa-Cup, vor zehn Jahren gewann, bleibt er für Mustafi ein Top-Klub, der zwar in der laufenden Saison nicht international spielt, sich aber „vor Real Madrid und dem FC Barcelona nicht verstecken muss“.

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Yannick Stark: Der Löwe mit der Löwenmähne

von Thorsten Siegmund

Es gibt Momente, in denen fühlt sich Yannick Stark noch etwas fremd in seiner neuen Heimat. Das merkt er gerade dann, wenn nach einer Übungseinheit an der Grünwalder Straße ein Trainingskiebitz auf ihn zukommt und das Gespräch mit ihm sucht. Auch wenn er es immer wieder versucht – es bereitet ihm nach wie vor große Probleme, seinen Gegenüber zu verstehen. Der tiefe bayrische Dialekt wirkt auch nach einem knappen Jahr noch immer wie eine andere Sprache auf den 23-Jährigen. „Ich lächele dann zwar höflich, aber eigentlich verstehe ich nichts“, gibt er offen zu.
 
Irgendwie darf das aber auch nicht verwundern, schließlich ist Stark ein Hesse durch und durch. 22 Jahre lang lebte er durchgehend im Rhein-Main-Gebiet, bevor er im letzten Sommer nach München wechselte, um den nächsten Schritt in seiner noch jungen Karriere als Profifußballer zu machen. Seitdem trägt er das Trikot von 1860 München. Stark ist jetzt ein Blauer. Und auf dem Rasen die Arbeitsbiene im defensiven Mittelfeld. Dort ackert und kämpft er und geht keinem Zweikampf aus dem Weg. Das kommt bei den Fans gut an. Die Anhänger der Löwen haben ihn schnell akzeptiert – Sprachprobleme hin oder her.

Der Schritt nach München, rund 400 Kilometer entfernt von seiner Heimat Darmstadt, ist für Stark viel mehr als nur ein Vereinswechsel. Zum ersten Mal in seinem Leben ist er komplett auf sich allein gestellt, weit weg von der Familie und seinen engsten Freunden. In Solln, einem Stadtteil im Süden Münchens, hat er eine Wohnung gefunden. Etwas abseits des Großstadttrubels und trotzdem noch sehr zentral gelegen. Hier hat er in den zurückliegenden zehn Monaten auch gelernt, einen eigenen Haushalt zu führen. Waschen, putzen, kochen – vor allem letzteres war anfangs gar nicht so einfach. Doch mit der Zeit ist es besser geworden. Mittlerweile kocht sich Stark regelmäßig etwas – was es auch ist, Nudeln sind fast immer dabei. „Und es schmeckt jetzt sogar einigermaßen“, sagt er mit etwas Stolz.

Yannick Stark hat gewisse Ansprüche an sich selbst - auf und neben dem Platz. Läuft es nicht wie gewünscht, sagt er das. Und so klingt er auch durchaus selbstkritisch, wenn er an sein erstes Jahr im Löwen-Trikot zurückdenkt. „Insgesamt ist zu wenig bei rumgekommen. Ich habe andere Ansprüche an mich selbst.“ Dabei wurde Stark auch bei seinem neuen Klub auf Anhieb zum Leistungsträger. Ohne zwei Gelbsperren und eine Bänderverletzung wäre der 23-Jährige wohl in allen 34 Zweitligaspielen dabei gewesen, so waren es immer noch beachtliche 31 Einsätze. Dass ihn das trotzdem nicht zufrieden stellt, spricht für seinen Ehrgeiz. Stark will Verantwortung übernehmen, ein Führungsspieler sein und als solcher seine Offensivqualitäten noch stärker einbringen. Das gelang ihm im zurückliegenden Jahr nur selten. „Ich zähle den Abschluss zu meinen Stärken“, sagt er. Gemessen daran sind zwei Tore und drei Vorlagen in 31 Spielen durchaus ausbaufähig.

Dabei bringt der Hesse mit der auffälligen Lockenpracht alles mit, was einen kompletten Spieler ausmacht. „Er ist ein Stratege, der ein Spiel sehr gut lesen kann“ sagt Alexander Schmidt, der Trainer, der ihn im  letzten Sommer zu den Löwen lockte. Stark kann vor der Abwehr aufräumen, aber auch ein Spiel entwickeln. Dazu ist er beidfüssig. Qualitäten, die er auf kaum einer anderen Position so gut einbringen kann wie auf der „Sechs“, zentral vor der Abwehr. Dort fühlt er sich am wohlsten. Auf dieser Position spielte er schon in der Jugend bei Eintracht Frankfurt und anschließend auch beim SV Darmstadt 98.

Mit den Lilien schaffte er vor drei Jahren den Aufstieg in die 3.Liga. Ausgerechnet mit dem Verein, dem er als Jugendlicher selbst vom Fanblock aus die Daumen drückte. Am vorletzten Spieltag der Regionalliga-Saison erzielte er den späten 2:1-Siegtreffer beim Auswärtsspiel in Worms. Für Darmstadt war es der entscheidende Schritt zum Aufstieg. Und für Stark ein ganz besonderer Moment: „Das war ein geiles Erlebnis. In meiner Heimatstadt und vor allem deshalb, weil keiner in dieser Saison mit uns gerechnet hatte. Die Aufstiegsfeier war der Wahnsinn. Wir haben auf dem Dach unseres Mannschaftsbusses getanzt, unter uns die Fans.“ Momente, die sich ins Gedächtnis eingebrannt haben.

Seine Erfolgsgeschichte ging weiter. Stark übersprang sogar eine Liga. Nach nur einem Jahr bei den Lilien wechselte der Aufstiegsheld zum FSV Frankfurt.  Sehr zur Freude seines Vaters Jürgen, einem seiner ersten Trainer in der Jugend beim FC Arheilgen. Yannick Stark erinnert sich gerne an diese Zeit zurück. „Das war eigentlich ganz angenehm. Wir hatten damals immer einen Schlüssel für den Sportplatz oder die Turnhalle. Da konnte ich auch zwischendurch mal mit Freunden spontan kicken gehen.“ Auch heute ist sein Vater noch einer seiner wichtigsten Ratgeber. „Er ist gleichzeitig aber auch mein größter Kritiker“, verrät er. Es gibt kein Spiel, das der Vater verpasst. Entweder sitzt er selbst im Stadion oder daheim vor dem Fernseher. So entging ihm auch nicht, dass sein Sohn keine Anlaufzeit bei den Bornheimern brauchte. Er fand schnell seinen Platz beim Zweitligisten – und wieder im defensiven Mittelfeld. Trainer Hans-Jürgen Boysen setzte schon im ersten Saisonspiel gegen Union Berlin auf den damals 21-Jährigen. Vertrauen, dass Stark mit guten Leistungen schnell zurückzahlte.

Er spielte regelmäßig, sammelte wertvolle Erfahrungen und entwickelte sich weiter. In zwei Jahren beim FSV bestritt Stark insgesamt 60 Spiele. Er lernte in dieser Zeit aber auch andere Städte, andere Stadien und Vereine kennen, bei denen die Aufmerksamkeit und das Interesse um ein vielfaches größer waren. Am Ende von zwei erfolgreichen Jahren wurde er vom „Kicker-Sportmagazin“ zum besten defensiven Mittelfeldspieler der gesamten Liga gewählt. Stark hatte die Qual der Wahl und konnte sich seinen neuen Arbeitgeber aussuchen. Schon bald wurde klar, dass der FSV keine Option ist. „Die Verantwortlichen holen wirklich das Maximale heraus. Diese Leistung kann man gar nicht hoch genug einschätzen. Am Ende des Tages ist der FSV aber eben doch nur ein Ausbildungsverein. Man selbst strebt irgendwann nach mehr“, erklärt Stark.

Durch seine starken Leistungen stand er plötzlich sogar auf der Einkaufsliste einiger Erstligisten. Doch Stark unterschrieb im letzten Sommer bei den Münchener Löwen. Schritt für Schritt ist seine Devise. „In der 1.Liga wäre ich bei einem Club vielleicht nur einer von vielen gewesen. Ein ambitionierter Zweitligist wie 1860 war mir lieber.“ Die Ambitionen wurden klar formuliert. Die Sechziger wollten aufsteigen. Doch daraus wurde nichts. Am Ende der abgelaufenen Saison reichte es nur zu Platz 7. Stattdessen prägten Trainerwechsel das Bild. Für Alexander Schmidt war bereits am 6. Spieltag Schluss. Es folgte Friedhelm Funkel, der nach acht Monaten auch schon wieder gehen musste. In den letzten Saisonspielen saß schließlich Markus von Ahlen auf der Löwen-Bank. „Natürlich beeinflusst das auch uns Spieler. Man muss sich immer auf einen neuen Trainertypen einstellen. Man weiß nie so recht, wo man steht, das macht einen selbst auch ein bisschen unsicher“, erklärt Stark. In der neuen Saison soll nun alles besser werden. „Doch es wird sicherlich nicht einfacher. Es kommen starke Vereine dazu. Aber wir wollen wieder das Maximale herausholen“ sagt Stark. Man spürt die Vorsicht, mit denen er seine Worte wählt. Das Wort vom „Aufstieg“ bleibt erst einmal tabu. Zu frisch sind noch die Erinnerungen an das abgelaufene Spieljahr und die damit verbundene Enttäuschung. Doch auch damit weiß Yannick Stark umzugehen.

Ein Jahr hat er noch Vertrag bei den Löwen. Was danach kommt, ist offen. Ein Jahr, in dem er auch noch ein bisschen an seinem bayrischen Dialekt üben kann. Damit er das nächste Mal, wenn einer der Trainingskiebitze auf ihn zukommt schon mehr kann, als nur höflich zu lächeln.