Viktoria 01 Aschaffenburg - Profifussball in weiter Ferne

Profifussball in weiter Ferne

von Nico Porges

Viktoria 01 Aschaffenburg„Hören Sie bloß mit dem Spiel auf. Das ist jetzt 25 Jahre her. Die alten Geschichten helfen heute niemandem mehr.“ Spricht man den Präsidenten von Viktoria Aschaffenburg Markus Kammann und Marketingmann Holger Stenger auf eines der erinnerungswürdigsten Spiele der Vereinsgeschichte an, verdrehen beide unisono die Augen. Gemeint ist das legendäre Pokalspiel gegen den 1.FC Köln aus dem Jahr 1987. Köln unter Christoph Daum, damals ungeschlagener Tabellenführer der Bundesliga, verlor am Schönbusch mit 0:1. Für viele Fans der vielleicht schönste Moment der Vereinsgeschichte. Für den heutigen Vorstand hingegen zusammen mit den drei Jahren, in denen der Klub in den 80er Jahren in der zweiten Bundesliga spielte, ein schweres Pfund. Seitdem werden der Verein und die handelnden Personen immer wieder an diesen Zeiten gemessen. Ein Umstand, der den Verantwortlichen die Arbeit heute und in der Vergangenheit nicht gerade leicht gemacht hat.

Die Geschichte von Aschaffenburg reicht weit zurück. Das Stadtbild, des an Main und Aschaff gelegenen „Bayerische Nizza“ wird geprägt vom weithin sichtbaren Wahrzeichen, dem im Renaissancestil erbauten Schloss Johannisberg aus dem 17. Jahrhundert. Nähert man sich der knapp 70.000 Einwohner zählenden Stadt hingegen aus westlicher Richtung, dann entgeht dem Besucher leicht der Charme der Unterfrankenmetropole. Im Gegenzug findet sich dafür kurz nach Erreichen der Stadtgrenze ein weitläufiges Areal, das die Heimat für verschiedene Sportvereine darstellt.

Der bedeutendste von ihnen ist SV Viktoria 01 Aschaffenburg e.V. . Der Verein wurde im Jahr 1901, damals noch als FC Aschaffenburg, gegründet. 1909 fand er auf dem Sportgelände „Am Schönbusch“ seine Heimat. Die Zeit vor dem 2. Weltkrieg verlief aus sportlicher Sicht noch eher unspektakulär. Eine erste Blütezeit begann 1946 mit dem erstmaligen Aufstieg in die damals höchste Spielklasse, der Oberliga Süd. In der Folgezeit spielte der Verein bis 1960 insgesamt zehn Jahre in dieser Spielklasse. Das Stadion am Schönbusch platzte bei Spielen gegen die Bayern, den VfB Stuttgart oder den 1. FC Nürnberg mit bis zu 18.000 Zuschauern aus allen Nähten.

Den „goldenen Zeiten“ der 80er folgte 2009 der tiefe Fall. Im November musste der Verein als Folge langjähriger Misswirtschaft einen Insolvenzantrag stellen. Die Konsequenz war der Zwangsabstieg in die Niederungen der Verbandsliga. Seitdem ist man in Unterfranken etwas bescheidener geworden. Nach wechselvollen Jahren ist die Arbeit des neuen Vorstands um Präsidenten Kammann von Zurückhaltung und Bodenständigkeit geprägt. Auch auf die Gefahr hin, dass dies vielen Nostalgikern, die nach wie vor von der 2. Bundesliga und außergewöhnlichen DFB- Pokalerfolgen träumen, nicht gefällt.

Betritt man heute das Trainingsgelände, fällt sofort die Geschäftigkeit auf. Auf gleich drei Plätzen trainieren Jugendmannschaften der Viktoria. Anweisungen geben lizenzierte Trainer. Von Entenmarsch und Turnvater Jahn hat das hier nichts. Stattdessen wird Dank des hier beheimateten Nachwuchs-Leistungszentrums des Bayerischen Fußball-Verbands professionell gearbeitet. Ein Umstand, der für einen steten Zulauf der besten Jugendlichen der Region zum Verein sorgt. „Durch das Leistungszentrum haben wir ein schweres Standing bei den Vereinen der Umgebung“, erklärt Präsident Kammann die Situation. „Dabei sehen auch wir uns als Ausbildungsverein. Spieler, die bei uns den Sprung nach ganz oben nicht schaffen, und das sind 95 Prozent, gehen zurück in die anderen Vereine. Diese profitieren letztlich also auch.“ Es gibt aber auch ein paar prominente Beispiele an Spielern, die von Aschaffenburg den Sprung in die große Fußballwelt geschafft haben. Marcel Schäfer zählt dazu, der inzwischen Stammspieler beim VfL Wolfsburg ist und unter Jogi Löw sogar Nationalspieler wurde. Oder Ivo Ilicevic, der in Kaiserslautern den Durchbruch geschafft hat und mittlerweile beim Hamburger SV spielt. Beide spielten in ihrer Jugend ebenfalls bei der Viktoria.

Der Himmel ist grau bewölkt und trostlos an diesem Tag. Das Gelände der Viktoria wirkt hingegen freundlich und aufgeräumt. Wo in anderen Vereinen jahrzehntelanger Verfall den bleibenden Eindruck prägt, geht es hier gepflegter zu. Und während woanders miefige Vereinskneipen von Unikaten wie Kuddel, Hotte oder Schorsch geführt werden, so geht man „Am Schönbusch“ gepflegt zu Guiseppe, einem Italiener. Hier trinken die Alteingesessenen, Spieler und Funktionäre - neben den regulären Freunden von Pasta und Pizza - einträchtig Pils, Weißwein oder Apfelschorle. Es muss nicht immer Bockwurst sein.

Auch Präsident Markus Kammann und Holger Stenger, Sohn des Viktoria-Urgesteins Heinz Stenger, gehen gerne dorthin, um von ihren noch frischen Erfahrungen als Verantwortliche im Verein zu berichten. Mitte des letzten Jahres traten sie ihre Ämter an. Ihren Start hatten sie sich jedoch ganz anders vorgestellt. Diskrepanzen bei Auffassungen zur sportlichen Verantwortung sorgten kurz nach Amtsantritt von Kammann für den Rücktritt des Vizepräsidenten Sport, Volker Sedlacek. Dieser stand in der vorherigen Amtszeit dem Verein noch als Präsident vor. Immerhin konnte als Nachfolger die Viktoria-Ikone Peter Löhr gewonnen werden. Er hat die drei Jahre in der zweiten Liga als Spieler miterlebt und bringt auch dank seiner über 100 Bundesligaspiele für Fortuna Düsseldorf reichlich sportliche Kompetenz mit.

Im November 2012 folgte die nächste unliebsame Überraschung. Der Unternehmer, wichtigste Mäzen und Verwaltungsratsvorsitzende Hans Nolte kündigte an, sein Engagement für die Viktoria Ende der Saison nur noch auf die Jugendarbeit zu beschränken. In einem offenen Brief kündigte er seinen Rückzug an. Doch was auf den ersten Blick wie eine frustrierte Generalabrechnung mit Verein, der Stadt und den handelnden Personen scheinen mag, liest sich tatsächlich wie eine dezidierte Beschreibung des Ist-Zustandes. Mit Bedauern vorgetragen, aber weitgehend ohne Groll. Nolte zeichnet die sportliche und finanzielle Situation des Vereins auf und kommt zu dem Schluss, dass die Viktoria nach den Schwierigkeiten der Vergangenheit heute zwar gut aufgestellt, Profifußball in Aschaffenburg unter den gegebenen Bedingungen aber nicht realistisch ist. Ursprünglich war er angetreten, dem Verein professionellere Strukturen zu geben und ihn mittelfristig in die 3. Liga zu führen. Diesem ehrgeizigen Ziel ist es auch zu verdanken, dass die 1. Mannschaft nunmehr in der neugegründeten Regionalliga Bayern an den Start geht. Die fußballerische Heimat lag trotz politischer Zugehörigkeit zu Bayern traditionell in Hessen. Doch sah man weiter im Süden eine realistischere Chance, den Traum vom Profifußball wahr werden zu lassen.

Spricht man Kammann auf den offenen Brief von Hans Nolte an, so hört man oftmals Übereinstimmungen heraus: „In unserer Region fehlen die Großunternehmen, die den Profisport unterstützen könnten. Das merken auch die Handballer aus Großwallstadt. Zudem wurde in der Vergangenheit viel verbrannte Erde hinterlassen. Es wurden jahrelang Schulden vor sich hergeschoben. Dadurch war der Ruf erst einmal ruiniert.“ Dass Nolte sein Engagement zurückfährt, tut dem Verein weh. Doch hat er immerhin zugesagt, den Verein am Ende der Saison faktisch schuldenfrei zu hinterlassen und etwaige Etatunterdeckungen auszugleichen. In der Saison 2012/13 ist dies ein sechsstelliger Betrag. Das gibt zumindest für den Moment Planungssicherheit.

Im Laufe der Hinrunde tat sich dann die nächste Baustelle des neuen Viktoria-Präsidiums auf. Denn auch auf dem Platz lief es trotz eines Heimspielschnitts von über 1.000 Zuschauern in der neuen Spielklasse nicht rund. Dank der schwächsten Defensive der Liga und nach einigen deftigen wie schmerzhaften Niederlagen beendete die Viktoria die Hinrunde nur einen Punkt vor dem ersten Relegationsplatz und damit direkt vor der Abstiegszone. Zu wenig für die eigenen Ansprüche - ein Platz im oberen Mittelfeld war als Saisonziel ausgegeben worden. Trainer Antonio Abbruzzese wurde nicht mehr zugetraut, die künftige Ausrichtung, die auf eine starke Verzahnung von Jugend und Aktiven setzt, erfolgreich mitzugehen. Im Januar trennte sich der Verein von ihm und machte Werner Dreßel zu seinem Nachfolger. Den Kontakt hatte Vizepräsident Peter Löhr hergestellt. Dreßel, früher selbst in Bremen, Hamburg, Nürnberg und Dortmund aktiv sowie als Trainer unter anderem bei Greuther Fürth im Einsatz, ist ein erfahrener Mann. Seine Karriere führte ihn schon einmal zur Viktoria. Anfang der 90er war das. Unter Trainer Werner Lorant und mit namhaften Spielern wie Rudi Bommer, Peter Löhr oder eben Dreßel wurde unter großem finanziellen Risiko versucht, den Aufstieg in die 2.Liga zu schaffen – es blieb bei dem Versuch.

Jetzt ist Dreßel wieder da und sieht sein Engagement dabei nicht nur als Freundschaftsdienst. „Aufgrund des neuen Kunstrasenplatzes und mit unserem Stadion, einem echten Schmuckkästchen, finde ich erstklassige Bedingungen vor. Zudem teilt der Verein meine Vorstellungen hinsichtlich der sportlichen Ausrichtung.“ Dreßel setzt dabei vor allem auf eine starke Jugend und sorgte direkt nach seinem Amtsantritt für eine stärkere Verknüpfung vom Jugend- zum Aktivenbereich. Zum Konzept gehört für ihn jedoch auch die Kombination von Ausbildung und Beruf auf der einen sowie dem Sport auf der anderen Seite. Schließlich weiß auch er, dass die Mehrzahl der Nachwuchsspieler den Sprung nicht schaffen und den Sport nicht als dauerhaften Beruf betreiben wird.

Auch was die aktuelle Mannschaft angeht, gibt er sich keinen unrealistischen Hoffnungen hin. „Das vorrangigste Ziel kann nur der Klassenerhalt sein“, sagt er. Doch auch mittel- bis langfristig werden bei der Viktoria die sportlichen Aussichten nicht in den Himmel wachsen. Ein Aufstieg in die 3. Liga ist in weiter Ferne - das weiß auch Dreßel. Zu eng ist das Nadelöhr zwischen den Regionalligen und dem Profifußball. Selbst wenn man sich gegen die Konkurrenz in der Regionalliga Bayern durchsetzen sollte, blieben vor dem Aufstieg noch die Relegationsspiele. Dort tummeln sich Mannschaften wie RB Leipzig oder Holstein Kiel. Vereine, die über Möglichkeiten verfügen, die für die Viktoria unerreichbar sind. Und selbst wenn diese Hürde noch nicht hoch genug wäre, müsste die Viktoria ihren Etat von momentan rund 300.000 Euro für das große Ziel mal eben verzehnfachen. Unter den gegebenen Umständen eine Illusion.

Dies hat auch Präsident Kammann erkannt. Seine Sichtweise ist bei manchen Leuten vielleicht nicht sehr populär, aber eben doch wohltuend realistisch. Er macht klar, dass von ihm und seinem Team keine Verrücktheiten zu erwarten sind. Kammann, im Hauptberuf Richter beim Landgericht in Aschaffenburg, ist trotz aller Widrigkeiten auch um die Zukunft nicht bange. Eine weitere Saison in der Regionalliga wäre finanziell durchaus zu stemmen. Aber auch ein Abstieg in die Bayernliga Nord würde ihn nicht verzweifeln lassen. Er führt offene Gespräche mit den Sponsoren und ist verhalten optimistisch, ohne dabei blauäugig zu sein. Darüber hinaus macht er klar: „Wir sind für zwei Jahre gewählt und mit Herzblut dabei. Da schmeißt man nicht einfach hin. Wir haben schließlich die Verantwortung übernommen.“