VfR Bürstadt - Auf den Spuren längst vergangener Zeiten

"Auf den Spuren längst vergangener Zeiten"

von Nico Porges

vfr bürstadtGroundhopping ist laut Wikipedia eine Sammelleidenschaft von Fußballfans, bei der es darum geht, Spiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien zu besuchen. Der Groundhopper, der an diesem Sonntagnachmittag im südhessischen Bürstadt steht, erlebt heute offensichtlich einen seiner besseren Tage. Seine Augen glänzen, und er lächelt versonnen: „Wahnsinn! So etwas gibt es heutzutage doch kaum noch.“ Aus dem niedersächsischen Hildesheim war der Mitdreißiger über Mannheim allein mit dem Zug angereist, um das Spiel zu sehen. Nun steht er ein wenig verloren mit seinem Rucksack an der rostigen Bande und lässt seinen Blick über das Robert-Kölsch-Stadion schweifen, der Heimat des VfR Bürstadt. Man möchte ihn spontan fragen, was in seiner Kindheit schiefgelaufen ist, oder ob er keine Freunde hat. Doch dann legt er nach: „Heute ist doch ein Stadion wie das andere. Entweder wurden die alten Arenen abgerissen oder kernsaniert. Aber das hier ist einfach noch die alte Schule.“
Schaut man sich um und lässt sich versuchsweise ein wenig auf seine Leidenschaft ein, kann man seine Begeisterung dann doch ganz gut verstehen. Wer durch das Stadion des VfR Bürstadt schlendert, kann die gute, alte Zeit nicht nur sehen, sondern förmlich greifen. Und in den Katakomben der kleinen Sitzplatztribüne auch riechen. Das Stadion hat einfach nichts von den unpersönlichen und funktionalen Bezirkssportanlagen, die der ein oder andere Bürgermeister seiner Gemeinde bevorzugt in Wahljahren auf die grüne Wiese stellt.

Es ist einfach so. Für Fußballnostalgiker wird in Bürstadt tatsächlich einiges geboten: Eine vom Unkraut überwucherte Stehplatztraverse. Zwei frisch gestrichene Kassenhäuschen, deren Existenzberechtigung beim heutigen Zuschaueraufkommen zumindest angezweifelt werden darf. Eine Gedenktafel für die verstorbenen Weltkriegsopfer. Und eine Anzeigentafel, die, selbst bei der aktuellen Überstrapazierung des Wortes, nur als Kult bezeichnet werden kann. Die Bandenwerbungen von längst dahingeschiedenen Firmen und Einzelhändlern, mit zum Teil vierstelligen Postleitzahlen,  dürften wohl auch aus der Glanzzeit des Vereins stammen. Nämlich aus den 70er und 80er Jahren, als in der südhessischen Gemeinde noch Zweitligafußball gespielt wurde. Als Vereine wie 1860 München, der Club aus Nürnberg, Hertha BSC Berlin oder Hannover 96 vor teilweise über 10.000 begeisterten Zuschauern im Ried zu Gast waren - und das bei gerade einmal rund 15.000 Einwohnern.

Norbert Krezdorn ist seit vielen Jahren der Jugendleiter des Vereins. Er hat, so sagt er schmunzelnd, ein Auge für Groundhopper und stattet den glücklichen Mann schnell mal mit einer Vereinschronik und dem aktuellem Stadionheft aus. Krezdorn ist eines der vielen Urgesteine des Vereins. Er stammt aus Zwingenberg an der nahegelegenen Bergstraße und wurde im Jahr 1970 mit dem VfR-Virus infiziert. Damals kamen die glorreichen Bayern mit Beckenbauer, Müller und Maier zu einem Jubiläumsspiel nach Bürstadt, das 10.000 Zuschauer aus der ganzen Region mobilisierte. Krezdorn ist geblieben und begann, irgendwann Verantwortung zu übernehmen. Beim VfR und auch beim Hessischen Fußball-Verband, wo er ebenfalls auch heute noch aktiv ist. Wenn er beginnt, von der großen Zeit des Vereins zu erzählen, fallen immer wieder zwei Namen: Lothar Buchmann und der Namensgeber des Stadions, Robert Kölsch.
Nicht nur in der Rhein-Main-Region ist Lothar Buchmann ein bekannter Mann. Als Trainer betreute er traditionsreiche Vereine wie die Eintracht, mit der er 1981 den DFB-Pokal holte, den OFC, die Lilien aus Darmstadt und den VfB Stuttgart. Er begann 1967 beim VfR. Eigentlich suchten die Bürstädter zu dieser Zeit einen Trainer. Buchmann, zu dieser Zeit noch aktiv, erholte sich gerade von einer Knieverletzung und wollte seine Spielerkarriere eigentlich fortsetzen. Nach einiger Bedenkzeit wurde er Spielertrainer. Der langjährige Mäzen Robert Kölsch, ein Selfmademann, war die andere bestimmende Person. Aus Pirmasens stammend, in den Nachkriegswirren der Liebe wegen in Bürstadt gelandet, wurde er der wichtigste Mann in der Geschichte des Vereins. Dies ist auch der Grund, weshalb das Stadion schon zu Lebzeiten seinen Namen trug. Der VfR war fußballerisch seine große Liebe. Mit Lothar Buchmann verband ihn eine tiefe Freundschaft oder wie Buchmann die Beziehung charakterisiert: „Wir waren ein Kopf und ein Arsch.“ Zusammen setzten sie in ihrer gemeinsamen Zeit, die bis 1976 andauern sollte, vor allem auf die Jugend und Spieler aus der Region. Diese Periode wurde dann für den 1910 gegründeten Verein auch die erfolgreichste. 1972 der erstmalige Aufstieg in die damals zweitklassige Regionalliga Süd. 1975 der Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft.  Im Endspiel setzte sich Bürstadt mit 3:0 gegen Victoria Hamburg mit dem damals blutjungen Jürgen „Joschi“ Groh durch – Mann des Spiels war jedoch ein anderer, der dreifache Torschütze Karl-Heinz Vogt, besser bekannt als „der Hexer“. 1977 gelang der Aufstieg in die noch junge zweite Bundesliga Süd.
Ramon Berndroth, heute als Sportkoordinator in Diensten der Offenbacher Kickers, kann sich ebenfalls noch gut an die „alten Zeiten“ erinnern. Er war einer der ersten Spieler, der nicht aus der unmittelbaren Umgebung stammte. 1972 wechselte er von Frankfurt nach Bürstadt - den Verantwortlichen aus dem Ried war das schon nicht mehr so ganz geheuer. „Ich musste den Trainer erst einmal überzeugen, dass ich nur kicken wollte. Ums Geld ging es mir als junger Mann doch gar nicht. Erst als das klar war, war ich akzeptiert.“ Berndroth hat auch heute noch viel Herzblut für den Verein übrig und erinnert sich gern an so manche Anekdote. Hört man ihm zu, erfährt man viel aus einer Zeit, als der Fußball weit weg war von Garnelen nach dem Spiel, Rolltreppen im Stadion und Lifestylegeschichten der Spielerfrauen. „Wir waren auf dem Weg nach Regensburg. Da saßen der Trainer Lothar Buchmann und ich im Speisewagen des Zuges und fachsimpelten wie so oft über das kommende Spiel. Plötzlich stellten wir fest, dass unser Zug auf dem Weg nach Prag war. Der Rest der Mannschaft saß im anderen Zug. Wir waren irgendwo abgekoppelt worden und haben es nicht gemerkt. Aber zum Spiel haben wir es im Taxi dann doch noch rechtzeitig geschafft.“ Auch an Robert Kölsch denkt er gern zurück.
Robert Kölsch, der Mann mit Zigarre und Hut, wollte unbedingt noch das 100jährige Jubiläum des Vereins im Jahr 2010 erleben. Das schaffte er - wie so vieles, was er sich in seinem Leben vornahm. Zehn Tage nach den Feierlichkeiten starb er im stolzen Alter von 95 Jahren. Aber das ist dann wohl ausnahmsweise mal eine Geschichte, die nicht der Fußball, sondern das Leben schrieb...
Würde Kölsch noch leben, würde ihm womöglich gefallen, was er heute in Bürstadt zu sehen bekommt. Denn an diesem Sonntag steigt das Spitzenspiel in der Gruppenliga Darmstadt. Beim Spitzenreiter ist der Tabellenzweite Rot-Weiss Walldorf zu Gast. Obwohl – bei einem Vorsprung von 13 Punkten auf Platz 2 trifft es der Begriff Spitzenspiel nicht so ganz. Dennoch finden bei strahlendem Sonnenschein rund 250 Zuschauer den Weg ins Stadion. Ein Derby im Ortsteil Riedrode hat sicherlich an die 100 Zuschauer gekostet. Die Mannschaft lockt die Fans wieder an, da es zumindest fußballerisch wieder aufwärts geht. Manche Gesichter hat man seit Jahren nicht mehr im Stadion gesehen. Aber auch neue Zuschauer kommen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn nachdem dem Club als Spätfolge von vier Jahren Zweitligafußball (zuletzt 1985) und diversen Jahren Oberliga das Geld ausging, rutschte er 2008 bis in die Niederungen der Kreisliga ab. Immerhin konnte in den Jahren 2001 und 2007 auf einen Insolvenzantrag verzichtet werden. Einmal wurde das Vereinsgelände an die Stadt verkauft, beim zweiten Mal ein Vergleich geschlossen.
Zu verdanken hat der VfR den sportlichen Aufschwung der jüngeren Vergangenheit auch dem Engagement von Manfred Hönig. Er ist Sportlicher Leiter und neuer Trainer der 1. Mannschaft, die im Vorjahr in ihrer ersten Gruppenliga-Saison nach dem Aufstieg respektabler Achter wurde. Nach einem im Unfrieden geendeten Versuch in der Nachbargemeinde Einhausen Fuß zu fassen, versucht er nun in Bürstadt sein Glück. Mitgebracht hat er mehrere Sponsoren aus der Region und durchaus sportliche Ziele: Hessenliga oder Regionalliga dürfen es mittelfristig schon werden. Er übernahm den VfR nach der Saison 2011/12 und machte sich sogleich ans Werk. Dabei tauschte er nahezu den kompletten Kader aus und setzt seither stark auf das Leistungsprinzip. Dem wollten sich jedoch offenbar nicht alle damaligen Spieler des Vereins stellen und verließen den VfR. Mit der Folge, dass die Mannschaft mittlerweile ein komplett neues Gesicht hat. Künftig, so betont Hönig, will er auf junge, schnelle und dynamische Spieler aus der Region setzen. Darüber hinaus hofft er, aufgrund seines Netzwerkes auch den einen oder anderen prominenten Namen kostengünstig nach Bürstadt zu holen. Aus diesem Kaliber ist beispielsweise Sergio Peter. Er spielte bereits Premier League bei den Blackburn Rovers und möchte sich in der Rückrunde beim VfR für größere Aufgaben empfehlen.
Allerdings gibt es auch sorgenvolle Stimmen im und rund um den Verein, die dem Frieden nicht so recht trauen. Auch unter den vielen ehrenamtlichen und freiwilligen Helfern, die mit besonders viel Herzblut bei der Sache sind, gibt es Skeptiker. Zu groß ist die Angst, dass irgendwann mit Hönig auch die Sponsoren den Club wieder verlassen könnten und einen Scherbenhaufen hinterlassen. Jugendleiter Norbert Krezdorn kann die Zweifler verstehen, auch wenn er, wie viele andere, das Ende des jahrelangen Dornröschenschlafs des VfR herbeisehnt. „Das ging halt alles sehr schnell. Plötzlich stehen viele neue Spieler auf dem Platz. Obwohl das auch gute Jungs sind. Aber vielleicht hätte man die Mitglieder einfach mehr einbinden sollen.“ Krezdorn ergänzt: „Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich spiele gern so hoch wie möglich. Aber eben nicht um jeden Preis. Es muss machbar sein und darf den Verein nicht gefährden.“
Mittlerweile ist das Spiel an diesem Sonntag vorbei. Der Groundhopper muss zum Bahnhof und auch die anderen Zuschauer verlassen zufrieden das Stadion. Der VfR hat 2:0 gewonnen. Es war kein gutes Spiel. Aber immerhin gab es zwei Traumtore zu bestaunen. Alles in allem kein übler Sonntag in Bürstadt. Es gab schon bessere und schlechtere. Die Sonne verliert langsam an Kraft, es wird frisch. Dennoch. Im Ried liegt an diesem Wochenende ein Hauch Frühling in der Luft. Endlich.