VfR Bürstadt - Auf den Spuren längst vergangener Zeiten

"Auf den Spuren längst vergangener Zeiten"

von Nico Porges

vfr bürstadtGroundhopping ist laut Wikipedia eine Sammelleidenschaft von Fußballfans, bei der es darum geht, Spiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien zu besuchen. Der Groundhopper, der an diesem Sonntagnachmittag im südhessischen Bürstadt steht, erlebt heute offensichtlich einen seiner besseren Tage. Seine Augen glänzen, und er lächelt versonnen: „Wahnsinn! So etwas gibt es heutzutage doch kaum noch.“ Aus dem niedersächsischen Hildesheim war der Mitdreißiger über Mannheim allein mit dem Zug angereist, um das Spiel zu sehen. Nun steht er ein wenig verloren mit seinem Rucksack an der rostigen Bande und lässt seinen Blick über das Robert-Kölsch-Stadion schweifen, der Heimat des VfR Bürstadt. Man möchte ihn spontan fragen, was in seiner Kindheit schiefgelaufen ist, oder ob er keine Freunde hat. Doch dann legt er nach: „Heute ist doch ein Stadion wie das andere. Entweder wurden die alten Arenen abgerissen oder kernsaniert. Aber das hier ist einfach noch die alte Schule.“
Schaut man sich um und lässt sich versuchsweise ein wenig auf seine Leidenschaft ein, kann man seine Begeisterung dann doch ganz gut verstehen. Wer durch das Stadion des VfR Bürstadt schlendert, kann die gute, alte Zeit nicht nur sehen, sondern förmlich greifen. Und in den Katakomben der kleinen Sitzplatztribüne auch riechen. Das Stadion hat einfach nichts von den unpersönlichen und funktionalen Bezirkssportanlagen, die der ein oder andere Bürgermeister seiner Gemeinde bevorzugt in Wahljahren auf die grüne Wiese stellt.

Es ist einfach so. Für Fußballnostalgiker wird in Bürstadt tatsächlich einiges geboten: Eine vom Unkraut überwucherte Stehplatztraverse. Zwei frisch gestrichene Kassenhäuschen, deren Existenzberechtigung beim heutigen Zuschaueraufkommen zumindest angezweifelt werden darf. Eine Gedenktafel für die verstorbenen Weltkriegsopfer. Und eine Anzeigentafel, die, selbst bei der aktuellen Überstrapazierung des Wortes, nur als Kult bezeichnet werden kann. Die Bandenwerbungen von längst dahingeschiedenen Firmen und Einzelhändlern, mit zum Teil vierstelligen Postleitzahlen,  dürften wohl auch aus der Glanzzeit des Vereins stammen. Nämlich aus den 70er und 80er Jahren, als in der südhessischen Gemeinde noch Zweitligafußball gespielt wurde. Als Vereine wie 1860 München, der Club aus Nürnberg, Hertha BSC Berlin oder Hannover 96 vor teilweise über 10.000 begeisterten Zuschauern im Ried zu Gast waren - und das bei gerade einmal rund 15.000 Einwohnern.

Norbert Krezdorn ist seit vielen Jahren der Jugendleiter des Vereins. Er hat, so sagt er schmunzelnd, ein Auge für Groundhopper und stattet den glücklichen Mann schnell mal mit einer Vereinschronik und dem aktuellem Stadionheft aus. Krezdorn ist eines der vielen Urgesteine des Vereins. Er stammt aus Zwingenberg an der nahegelegenen Bergstraße und wurde im Jahr 1970 mit dem VfR-Virus infiziert. Damals kamen die glorreichen Bayern mit Beckenbauer, Müller und Maier zu einem Jubiläumsspiel nach Bürstadt, das 10.000 Zuschauer aus der ganzen Region mobilisierte. Krezdorn ist geblieben und begann, irgendwann Verantwortung zu übernehmen. Beim VfR und auch beim Hessischen Fußball-Verband, wo er ebenfalls auch heute noch aktiv ist. Wenn er beginnt, von der großen Zeit des Vereins zu erzählen, fallen immer wieder zwei Namen: Lothar Buchmann und der Namensgeber des Stadions, Robert Kölsch.
Nicht nur in der Rhein-Main-Region ist Lothar Buchmann ein bekannter Mann. Als Trainer betreute er traditionsreiche Vereine wie die Eintracht, mit der er 1981 den DFB-Pokal holte, den OFC, die Lilien aus Darmstadt und den VfB Stuttgart. Er begann 1967 beim VfR. Eigentlich suchten die Bürstädter zu dieser Zeit einen Trainer. Buchmann, zu dieser Zeit noch aktiv, erholte sich gerade von einer Knieverletzung und wollte seine Spielerkarriere eigentlich fortsetzen. Nach einiger Bedenkzeit wurde er Spielertrainer. Der langjährige Mäzen Robert Kölsch, ein Selfmademann, war die andere bestimmende Person. Aus Pirmasens stammend, in den Nachkriegswirren der Liebe wegen in Bürstadt gelandet, wurde er der wichtigste Mann in der Geschichte des Vereins. Dies ist auch der Grund, weshalb das Stadion schon zu Lebzeiten seinen Namen trug. Der VfR war fußballerisch seine große Liebe. Mit Lothar Buchmann verband ihn eine tiefe Freundschaft oder wie Buchmann die Beziehung charakterisiert: „Wir waren ein Kopf und ein Arsch.“ Zusammen setzten sie in ihrer gemeinsamen Zeit, die bis 1976 andauern sollte, vor allem auf die Jugend und Spieler aus der Region. Diese Periode wurde dann für den 1910 gegründeten Verein auch die erfolgreichste. 1972 der erstmalige Aufstieg in die damals zweitklassige Regionalliga Süd. 1975 der Gewinn der Deutschen Amateurmeisterschaft.  Im Endspiel setzte sich Bürstadt mit 3:0 gegen Victoria Hamburg mit dem damals blutjungen Jürgen „Joschi“ Groh durch – Mann des Spiels war jedoch ein anderer, der dreifache Torschütze Karl-Heinz Vogt, besser bekannt als „der Hexer“. 1977 gelang der Aufstieg in die noch junge zweite Bundesliga Süd.
Ramon Berndroth, heute als Sportkoordinator in Diensten der Offenbacher Kickers, kann sich ebenfalls noch gut an die „alten Zeiten“ erinnern. Er war einer der ersten Spieler, der nicht aus der unmittelbaren Umgebung stammte. 1972 wechselte er von Frankfurt nach Bürstadt - den Verantwortlichen aus dem Ried war das schon nicht mehr so ganz geheuer. „Ich musste den Trainer erst einmal überzeugen, dass ich nur kicken wollte. Ums Geld ging es mir als junger Mann doch gar nicht. Erst als das klar war, war ich akzeptiert.“ Berndroth hat auch heute noch viel Herzblut für den Verein übrig und erinnert sich gern an so manche Anekdote. Hört man ihm zu, erfährt man viel aus einer Zeit, als der Fußball weit weg war von Garnelen nach dem Spiel, Rolltreppen im Stadion und Lifestylegeschichten der Spielerfrauen. „Wir waren auf dem Weg nach Regensburg. Da saßen der Trainer Lothar Buchmann und ich im Speisewagen des Zuges und fachsimpelten wie so oft über das kommende Spiel. Plötzlich stellten wir fest, dass unser Zug auf dem Weg nach Prag war. Der Rest der Mannschaft saß im anderen Zug. Wir waren irgendwo abgekoppelt worden und haben es nicht gemerkt. Aber zum Spiel haben wir es im Taxi dann doch noch rechtzeitig geschafft.“ Auch an Robert Kölsch denkt er gern zurück.
Robert Kölsch, der Mann mit Zigarre und Hut, wollte unbedingt noch das 100jährige Jubiläum des Vereins im Jahr 2010 erleben. Das schaffte er - wie so vieles, was er sich in seinem Leben vornahm. Zehn Tage nach den Feierlichkeiten starb er im stolzen Alter von 95 Jahren. Aber das ist dann wohl ausnahmsweise mal eine Geschichte, die nicht der Fußball, sondern das Leben schrieb...
Würde Kölsch noch leben, würde ihm womöglich gefallen, was er heute in Bürstadt zu sehen bekommt. Denn an diesem Sonntag steigt das Spitzenspiel in der Gruppenliga Darmstadt. Beim Spitzenreiter ist der Tabellenzweite Rot-Weiss Walldorf zu Gast. Obwohl – bei einem Vorsprung von 13 Punkten auf Platz 2 trifft es der Begriff Spitzenspiel nicht so ganz. Dennoch finden bei strahlendem Sonnenschein rund 250 Zuschauer den Weg ins Stadion. Ein Derby im Ortsteil Riedrode hat sicherlich an die 100 Zuschauer gekostet. Die Mannschaft lockt die Fans wieder an, da es zumindest fußballerisch wieder aufwärts geht. Manche Gesichter hat man seit Jahren nicht mehr im Stadion gesehen. Aber auch neue Zuschauer kommen. Das ist nicht selbstverständlich. Denn nachdem dem Club als Spätfolge von vier Jahren Zweitligafußball (zuletzt 1985) und diversen Jahren Oberliga das Geld ausging, rutschte er 2008 bis in die Niederungen der Kreisliga ab. Immerhin konnte in den Jahren 2001 und 2007 auf einen Insolvenzantrag verzichtet werden. Einmal wurde das Vereinsgelände an die Stadt verkauft, beim zweiten Mal ein Vergleich geschlossen.
Zu verdanken hat der VfR den sportlichen Aufschwung der jüngeren Vergangenheit auch dem Engagement von Manfred Hönig. Er ist Sportlicher Leiter und neuer Trainer der 1. Mannschaft, die im Vorjahr in ihrer ersten Gruppenliga-Saison nach dem Aufstieg respektabler Achter wurde. Nach einem im Unfrieden geendeten Versuch in der Nachbargemeinde Einhausen Fuß zu fassen, versucht er nun in Bürstadt sein Glück. Mitgebracht hat er mehrere Sponsoren aus der Region und durchaus sportliche Ziele: Hessenliga oder Regionalliga dürfen es mittelfristig schon werden. Er übernahm den VfR nach der Saison 2011/12 und machte sich sogleich ans Werk. Dabei tauschte er nahezu den kompletten Kader aus und setzt seither stark auf das Leistungsprinzip. Dem wollten sich jedoch offenbar nicht alle damaligen Spieler des Vereins stellen und verließen den VfR. Mit der Folge, dass die Mannschaft mittlerweile ein komplett neues Gesicht hat. Künftig, so betont Hönig, will er auf junge, schnelle und dynamische Spieler aus der Region setzen. Darüber hinaus hofft er, aufgrund seines Netzwerkes auch den einen oder anderen prominenten Namen kostengünstig nach Bürstadt zu holen. Aus diesem Kaliber ist beispielsweise Sergio Peter. Er spielte bereits Premier League bei den Blackburn Rovers und möchte sich in der Rückrunde beim VfR für größere Aufgaben empfehlen.
Allerdings gibt es auch sorgenvolle Stimmen im und rund um den Verein, die dem Frieden nicht so recht trauen. Auch unter den vielen ehrenamtlichen und freiwilligen Helfern, die mit besonders viel Herzblut bei der Sache sind, gibt es Skeptiker. Zu groß ist die Angst, dass irgendwann mit Hönig auch die Sponsoren den Club wieder verlassen könnten und einen Scherbenhaufen hinterlassen. Jugendleiter Norbert Krezdorn kann die Zweifler verstehen, auch wenn er, wie viele andere, das Ende des jahrelangen Dornröschenschlafs des VfR herbeisehnt. „Das ging halt alles sehr schnell. Plötzlich stehen viele neue Spieler auf dem Platz. Obwohl das auch gute Jungs sind. Aber vielleicht hätte man die Mitglieder einfach mehr einbinden sollen.“ Krezdorn ergänzt: „Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Ich spiele gern so hoch wie möglich. Aber eben nicht um jeden Preis. Es muss machbar sein und darf den Verein nicht gefährden.“
Mittlerweile ist das Spiel an diesem Sonntag vorbei. Der Groundhopper muss zum Bahnhof und auch die anderen Zuschauer verlassen zufrieden das Stadion. Der VfR hat 2:0 gewonnen. Es war kein gutes Spiel. Aber immerhin gab es zwei Traumtore zu bestaunen. Alles in allem kein übler Sonntag in Bürstadt. Es gab schon bessere und schlechtere. Die Sonne verliert langsam an Kraft, es wird frisch. Dennoch. Im Ried liegt an diesem Wochenende ein Hauch Frühling in der Luft. Endlich.

Viktoria 01 Aschaffenburg - Profifussball in weiter Ferne

Profifussball in weiter Ferne

von Nico Porges

Viktoria 01 Aschaffenburg„Hören Sie bloß mit dem Spiel auf. Das ist jetzt 25 Jahre her. Die alten Geschichten helfen heute niemandem mehr.“ Spricht man den Präsidenten von Viktoria Aschaffenburg Markus Kammann und Marketingmann Holger Stenger auf eines der erinnerungswürdigsten Spiele der Vereinsgeschichte an, verdrehen beide unisono die Augen. Gemeint ist das legendäre Pokalspiel gegen den 1.FC Köln aus dem Jahr 1987. Köln unter Christoph Daum, damals ungeschlagener Tabellenführer der Bundesliga, verlor am Schönbusch mit 0:1. Für viele Fans der vielleicht schönste Moment der Vereinsgeschichte. Für den heutigen Vorstand hingegen zusammen mit den drei Jahren, in denen der Klub in den 80er Jahren in der zweiten Bundesliga spielte, ein schweres Pfund. Seitdem werden der Verein und die handelnden Personen immer wieder an diesen Zeiten gemessen. Ein Umstand, der den Verantwortlichen die Arbeit heute und in der Vergangenheit nicht gerade leicht gemacht hat.

Die Geschichte von Aschaffenburg reicht weit zurück. Das Stadtbild, des an Main und Aschaff gelegenen „Bayerische Nizza“ wird geprägt vom weithin sichtbaren Wahrzeichen, dem im Renaissancestil erbauten Schloss Johannisberg aus dem 17. Jahrhundert. Nähert man sich der knapp 70.000 Einwohner zählenden Stadt hingegen aus westlicher Richtung, dann entgeht dem Besucher leicht der Charme der Unterfrankenmetropole. Im Gegenzug findet sich dafür kurz nach Erreichen der Stadtgrenze ein weitläufiges Areal, das die Heimat für verschiedene Sportvereine darstellt.

Der bedeutendste von ihnen ist SV Viktoria 01 Aschaffenburg e.V. . Der Verein wurde im Jahr 1901, damals noch als FC Aschaffenburg, gegründet. 1909 fand er auf dem Sportgelände „Am Schönbusch“ seine Heimat. Die Zeit vor dem 2. Weltkrieg verlief aus sportlicher Sicht noch eher unspektakulär. Eine erste Blütezeit begann 1946 mit dem erstmaligen Aufstieg in die damals höchste Spielklasse, der Oberliga Süd. In der Folgezeit spielte der Verein bis 1960 insgesamt zehn Jahre in dieser Spielklasse. Das Stadion am Schönbusch platzte bei Spielen gegen die Bayern, den VfB Stuttgart oder den 1. FC Nürnberg mit bis zu 18.000 Zuschauern aus allen Nähten.

Den „goldenen Zeiten“ der 80er folgte 2009 der tiefe Fall. Im November musste der Verein als Folge langjähriger Misswirtschaft einen Insolvenzantrag stellen. Die Konsequenz war der Zwangsabstieg in die Niederungen der Verbandsliga. Seitdem ist man in Unterfranken etwas bescheidener geworden. Nach wechselvollen Jahren ist die Arbeit des neuen Vorstands um Präsidenten Kammann von Zurückhaltung und Bodenständigkeit geprägt. Auch auf die Gefahr hin, dass dies vielen Nostalgikern, die nach wie vor von der 2. Bundesliga und außergewöhnlichen DFB- Pokalerfolgen träumen, nicht gefällt.

Betritt man heute das Trainingsgelände, fällt sofort die Geschäftigkeit auf. Auf gleich drei Plätzen trainieren Jugendmannschaften der Viktoria. Anweisungen geben lizenzierte Trainer. Von Entenmarsch und Turnvater Jahn hat das hier nichts. Stattdessen wird Dank des hier beheimateten Nachwuchs-Leistungszentrums des Bayerischen Fußball-Verbands professionell gearbeitet. Ein Umstand, der für einen steten Zulauf der besten Jugendlichen der Region zum Verein sorgt. „Durch das Leistungszentrum haben wir ein schweres Standing bei den Vereinen der Umgebung“, erklärt Präsident Kammann die Situation. „Dabei sehen auch wir uns als Ausbildungsverein. Spieler, die bei uns den Sprung nach ganz oben nicht schaffen, und das sind 95 Prozent, gehen zurück in die anderen Vereine. Diese profitieren letztlich also auch.“ Es gibt aber auch ein paar prominente Beispiele an Spielern, die von Aschaffenburg den Sprung in die große Fußballwelt geschafft haben. Marcel Schäfer zählt dazu, der inzwischen Stammspieler beim VfL Wolfsburg ist und unter Jogi Löw sogar Nationalspieler wurde. Oder Ivo Ilicevic, der in Kaiserslautern den Durchbruch geschafft hat und mittlerweile beim Hamburger SV spielt. Beide spielten in ihrer Jugend ebenfalls bei der Viktoria.

Der Himmel ist grau bewölkt und trostlos an diesem Tag. Das Gelände der Viktoria wirkt hingegen freundlich und aufgeräumt. Wo in anderen Vereinen jahrzehntelanger Verfall den bleibenden Eindruck prägt, geht es hier gepflegter zu. Und während woanders miefige Vereinskneipen von Unikaten wie Kuddel, Hotte oder Schorsch geführt werden, so geht man „Am Schönbusch“ gepflegt zu Guiseppe, einem Italiener. Hier trinken die Alteingesessenen, Spieler und Funktionäre - neben den regulären Freunden von Pasta und Pizza - einträchtig Pils, Weißwein oder Apfelschorle. Es muss nicht immer Bockwurst sein.

Auch Präsident Markus Kammann und Holger Stenger, Sohn des Viktoria-Urgesteins Heinz Stenger, gehen gerne dorthin, um von ihren noch frischen Erfahrungen als Verantwortliche im Verein zu berichten. Mitte des letzten Jahres traten sie ihre Ämter an. Ihren Start hatten sie sich jedoch ganz anders vorgestellt. Diskrepanzen bei Auffassungen zur sportlichen Verantwortung sorgten kurz nach Amtsantritt von Kammann für den Rücktritt des Vizepräsidenten Sport, Volker Sedlacek. Dieser stand in der vorherigen Amtszeit dem Verein noch als Präsident vor. Immerhin konnte als Nachfolger die Viktoria-Ikone Peter Löhr gewonnen werden. Er hat die drei Jahre in der zweiten Liga als Spieler miterlebt und bringt auch dank seiner über 100 Bundesligaspiele für Fortuna Düsseldorf reichlich sportliche Kompetenz mit.

Im November 2012 folgte die nächste unliebsame Überraschung. Der Unternehmer, wichtigste Mäzen und Verwaltungsratsvorsitzende Hans Nolte kündigte an, sein Engagement für die Viktoria Ende der Saison nur noch auf die Jugendarbeit zu beschränken. In einem offenen Brief kündigte er seinen Rückzug an. Doch was auf den ersten Blick wie eine frustrierte Generalabrechnung mit Verein, der Stadt und den handelnden Personen scheinen mag, liest sich tatsächlich wie eine dezidierte Beschreibung des Ist-Zustandes. Mit Bedauern vorgetragen, aber weitgehend ohne Groll. Nolte zeichnet die sportliche und finanzielle Situation des Vereins auf und kommt zu dem Schluss, dass die Viktoria nach den Schwierigkeiten der Vergangenheit heute zwar gut aufgestellt, Profifußball in Aschaffenburg unter den gegebenen Bedingungen aber nicht realistisch ist. Ursprünglich war er angetreten, dem Verein professionellere Strukturen zu geben und ihn mittelfristig in die 3. Liga zu führen. Diesem ehrgeizigen Ziel ist es auch zu verdanken, dass die 1. Mannschaft nunmehr in der neugegründeten Regionalliga Bayern an den Start geht. Die fußballerische Heimat lag trotz politischer Zugehörigkeit zu Bayern traditionell in Hessen. Doch sah man weiter im Süden eine realistischere Chance, den Traum vom Profifußball wahr werden zu lassen.

Spricht man Kammann auf den offenen Brief von Hans Nolte an, so hört man oftmals Übereinstimmungen heraus: „In unserer Region fehlen die Großunternehmen, die den Profisport unterstützen könnten. Das merken auch die Handballer aus Großwallstadt. Zudem wurde in der Vergangenheit viel verbrannte Erde hinterlassen. Es wurden jahrelang Schulden vor sich hergeschoben. Dadurch war der Ruf erst einmal ruiniert.“ Dass Nolte sein Engagement zurückfährt, tut dem Verein weh. Doch hat er immerhin zugesagt, den Verein am Ende der Saison faktisch schuldenfrei zu hinterlassen und etwaige Etatunterdeckungen auszugleichen. In der Saison 2012/13 ist dies ein sechsstelliger Betrag. Das gibt zumindest für den Moment Planungssicherheit.

Im Laufe der Hinrunde tat sich dann die nächste Baustelle des neuen Viktoria-Präsidiums auf. Denn auch auf dem Platz lief es trotz eines Heimspielschnitts von über 1.000 Zuschauern in der neuen Spielklasse nicht rund. Dank der schwächsten Defensive der Liga und nach einigen deftigen wie schmerzhaften Niederlagen beendete die Viktoria die Hinrunde nur einen Punkt vor dem ersten Relegationsplatz und damit direkt vor der Abstiegszone. Zu wenig für die eigenen Ansprüche - ein Platz im oberen Mittelfeld war als Saisonziel ausgegeben worden. Trainer Antonio Abbruzzese wurde nicht mehr zugetraut, die künftige Ausrichtung, die auf eine starke Verzahnung von Jugend und Aktiven setzt, erfolgreich mitzugehen. Im Januar trennte sich der Verein von ihm und machte Werner Dreßel zu seinem Nachfolger. Den Kontakt hatte Vizepräsident Peter Löhr hergestellt. Dreßel, früher selbst in Bremen, Hamburg, Nürnberg und Dortmund aktiv sowie als Trainer unter anderem bei Greuther Fürth im Einsatz, ist ein erfahrener Mann. Seine Karriere führte ihn schon einmal zur Viktoria. Anfang der 90er war das. Unter Trainer Werner Lorant und mit namhaften Spielern wie Rudi Bommer, Peter Löhr oder eben Dreßel wurde unter großem finanziellen Risiko versucht, den Aufstieg in die 2.Liga zu schaffen – es blieb bei dem Versuch.

Jetzt ist Dreßel wieder da und sieht sein Engagement dabei nicht nur als Freundschaftsdienst. „Aufgrund des neuen Kunstrasenplatzes und mit unserem Stadion, einem echten Schmuckkästchen, finde ich erstklassige Bedingungen vor. Zudem teilt der Verein meine Vorstellungen hinsichtlich der sportlichen Ausrichtung.“ Dreßel setzt dabei vor allem auf eine starke Jugend und sorgte direkt nach seinem Amtsantritt für eine stärkere Verknüpfung vom Jugend- zum Aktivenbereich. Zum Konzept gehört für ihn jedoch auch die Kombination von Ausbildung und Beruf auf der einen sowie dem Sport auf der anderen Seite. Schließlich weiß auch er, dass die Mehrzahl der Nachwuchsspieler den Sprung nicht schaffen und den Sport nicht als dauerhaften Beruf betreiben wird.

Auch was die aktuelle Mannschaft angeht, gibt er sich keinen unrealistischen Hoffnungen hin. „Das vorrangigste Ziel kann nur der Klassenerhalt sein“, sagt er. Doch auch mittel- bis langfristig werden bei der Viktoria die sportlichen Aussichten nicht in den Himmel wachsen. Ein Aufstieg in die 3. Liga ist in weiter Ferne - das weiß auch Dreßel. Zu eng ist das Nadelöhr zwischen den Regionalligen und dem Profifußball. Selbst wenn man sich gegen die Konkurrenz in der Regionalliga Bayern durchsetzen sollte, blieben vor dem Aufstieg noch die Relegationsspiele. Dort tummeln sich Mannschaften wie RB Leipzig oder Holstein Kiel. Vereine, die über Möglichkeiten verfügen, die für die Viktoria unerreichbar sind. Und selbst wenn diese Hürde noch nicht hoch genug wäre, müsste die Viktoria ihren Etat von momentan rund 300.000 Euro für das große Ziel mal eben verzehnfachen. Unter den gegebenen Umständen eine Illusion.

Dies hat auch Präsident Kammann erkannt. Seine Sichtweise ist bei manchen Leuten vielleicht nicht sehr populär, aber eben doch wohltuend realistisch. Er macht klar, dass von ihm und seinem Team keine Verrücktheiten zu erwarten sind. Kammann, im Hauptberuf Richter beim Landgericht in Aschaffenburg, ist trotz aller Widrigkeiten auch um die Zukunft nicht bange. Eine weitere Saison in der Regionalliga wäre finanziell durchaus zu stemmen. Aber auch ein Abstieg in die Bayernliga Nord würde ihn nicht verzweifeln lassen. Er führt offene Gespräche mit den Sponsoren und ist verhalten optimistisch, ohne dabei blauäugig zu sein. Darüber hinaus macht er klar: „Wir sind für zwei Jahre gewählt und mit Herzblut dabei. Da schmeißt man nicht einfach hin. Wir haben schließlich die Verantwortung übernommen.“