Würzburger Kickers - Drei Prinzen küssen Würzburg wach

Von Martin Batzel

wuerzburgEigentlich beginnen so Märchen: Drei Freunde treffen sich in der Heimat, verabreden sich für den Abend zu einem Schoppen in einem Weinlokal in der Altstadt im Schatten der malerischen Residenz. Es ist schon spät, als einer der dreien die entscheidende Frage stellt: „Nun, wie ist es? Machste mit?“ Bernd Hollerbach macht mit, übernimmt den Trainerjob beim bayerischen Regionalligisten Würzburger Kickers, gründet zusammen mit Michael Schlagbauer und Thorsten Fischer eine AG und gliedert diese aus dem Verein aus. Es ist eine Vorsichtsmaßnahme, um den Verein nicht zu gefährden. Denn nicht jedes Märchen endet schön.

Der Beschluss wird bei Wein und Brotzeit im letzten Winter gefasst. „Dann machen wir drei es, geben Gas, brauchen Geduld.“ Sie geben sich drei Jahre. So schildert Hollerbach den entscheidenden Augenblick, in dem er, Fischer und Schlagbauer sich entschließen, die Rolle der Prinzen zu übernehmen, welche den schlafenden, ehemaligen Zweitligisten Kickers Würzburg wachküssen wollen. Natürlich nennen sie sich nicht Prinzen. Sie sind die Antreiber.

Sie machen Tempo, richten innerhalb von drei Monaten eine neue Geschäftsstelle für die ausgegliederte AG, stellen Personal ein: Sekretärin, Physiotherapeut, zehn Spieler dürfen bleiben, 14 neue kommen. Jetzt gibt es sieben bis acht Trainingseinheiten in der Woche statt drei wie in der vergangenen Spielzeit. Diese endete mit Platz elf in der Regionalliga Bayern, nun gibt es einen Dreijahresplan, innerhalb dessen der Aufstieg in die dritte Liga geschafft sein soll.

»» Den kompletten Artikel finden Sie in unserer Aktuellen Ausgabe des Anstoss

Sparzwang nach der Glamour-Zeit

Von Martin Batzel

Frau Drüke kommt jeden Tag. Sie kocht Kaffee, rückt Stühle im Presse- und Besprechungsraum in Reihe, begrüßt auch Fremde herzlich und mit freundlichen Worten,  verbreitet Wohlfühlatmosphäre in den Containern, in denen die Geschäftsstelle untergebracht ist. Frau Drüke gehört zu den guten Seelen der TuS Koblenz.

Frau Drüke ist Rentnerin im Unruhestand, arbeitet ehrenamtlich für die TuS, seitdem sie 2011 vorbeikam und fragte, ob der Verein ihre Hilfe benötige. Es war die Zeit, als der Verein jede Hilfe nötig hatte – gleich welcher Art. Und die von Frau Drüke besonders. Frau Drüke fährt jeden Tag mit dem Bus raus in die Räume am Stadion im Stadtteil Oberwerth – nicht einmal die Fahrkarte lässt sie sich bezahlen.  Frau Drüke ist ein schützenswertes Stück TuS Koblenz. So bezeichnet sie Thomas Theisen, Präsidiumsmitglied Sport, beim Viertligisten.

Frau Drüke hätte auch gut zur TuS gepasst, als Evangelos Nessos 2004 dorthin wechselte. „Alles war familiär, alles war klein“, erinnert sich Nessos, der vor zehn Jahren im Sommer vom 1. FC Köln den Rhein aufwärts kam. Nessos wurde Stammspieler in der Abwehr und im defensivem Mittelfeld, stieg 2006 mit der TuS in die zweite Liga auf.  Zuletzt stand er Mitte April 2007 auf dem Spielberichtsbogen. Eine Verletzung der Patellasehne im Knie beendete seine Laufbahn nach zwei Jahren mit viel Bangen und Hoffen und ohne Einsätze. Nessos wurde Sportinvalide mit 29. Nessos blieb der TuS erhalten. Er als Jugend-, dann als Co-Trainer der ersten Mannschaft. Seit letztem Sommer ist Nessos Teamchef. Die wechselvollen Jahre in Koblenz hat kaum einer so intensiv erlebt wie er.

Aufstieg 2006, endlich zweite Liga, alles schien prima rund um das Stadion Oberwerth, das in seiner Geschichte schon viele Namen hatte – manche waren wirtschaftlichen Gründen geschuldet, weil wieder ein neuer Hauptsponsor kam, andere der Politik: 1920 von Amerikanern gebaut, hieß es entsprechend Amerikaner-Stadion. Während der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland wurde daraus die Hermann-Göring-Kampfbahn, nach Kriegsende kurzzeitig das Stade de Gaulle, weil die Franzosen ihren Einfluss ausspielten. Heute gehört das Stadion der Stadt, ist Teil der Sportanlage am Oberwerth. Die Fußballer des Viertligisten müssen sich die Anlagen teilen mit Läufern, Leichtathleten, Speer- und Hammerwerfern. Entsprechend sieht der Rasen auf den Nebenfeldern bisweilen auch aus. Training auf dem Hauptfeld ist selten erwünscht.

Der Teamchef, dem die Trainerlizenz noch fehlt, klagt nicht wegen der widrigen Umstände. Nessos nimmt sie als Herausforderung an. Auch sie sind ein Ergebnis von vier Jahren Zweitligazugehörigkeit, in der Überheblichkeit und Fehleinschätzungen, Arroganz und der Glaube, am großen Rad des Profifußballs mitdrehen zu können, große Teile des Tagesgeschäfts bei der TuS mitbestimmten. Die Folgen dieses Wirtschaftens spüren die handelnden Personen heute. Frau Drüke gab es damals noch nicht am Oberwerth. Aber Vierjahresverträge für Trainer wie Uwe Rapolder, der im April 2007 kam und im Dezember 2009 entlassen wurde. Und: „Es gab Steuerdelikte und Strafbefehle.“ So schildert es Präsidiumsmitglied Thomas Theisen. Er kommt aus der Werbebranche, scheint gut geerdet, gibt Ziele aus, die vor acht Jahren allenfalls ein verächtliches Zucken in den Mundwinkeln bewirkt  hätten: „Wir wollen die TuS Koblenz auf Dauer in der Regionalliga etablieren.“ Zwar heißen die Gegner – fast wie zu Zweitligazeiten - auch in dieser Spielklasse Mainz 05 und Kaiserslautern. Aber es sind eben nur die zweiten Teams der Profiklubs. Theisen lässt das „nur“ nicht gelten: „Wir spielen am Betzenberg und am Bruchweg – es gibt Schlimmeres im deutschen Fußball.“ Aber die TuS muss auch nach Pfullendorf. Die Alternative hätte gelautet: Sie machen weiter wie zuvor, leben über die Verhältnisse, der Schuldenberg wächst, die TuS GmbH geht in die Insolvenz. Pleite statt Pfullendorf - das aber war nicht gewünscht. Also entschied sich die neue Präsidiumsmannschaft für einen Schnitt, wie er radikaler kaum hätte angesetzt werden können und verzichtete auf das Startrecht in der dritten Liga. Nach vier Jahren in der zweiten Liga war die TuS zwar sportlich, aber wirtschaftlich nicht qualifiziert. Die Entscheidungen von damals wirken heute noch nach. Der langjährige Aufsichtsratsvorsitzende Walterpeter Twer hatte sich zurückgezogen und seine Anteile an der GmbH für den symbolischen Preis eines Euro verkauft. Twer gehört der Mittelrheinverlag, in Medienangelegenheiten ist er der Platzhirsch in und um Koblenz herum. Sein Platz in der Vereinsführung und Sponsorenliste war nun frei, aber  ein neuer Investor fand sich nicht. Deswegen zog die GmbH am 7. Juni 2011 die erste Mannschaft zurück, einen Monat später erteilte der Deutsche Fußball-Bund das Startrecht für die Regionalliga. Auf Theisen und seine Präsidiumskollegen des 1911 gegründeten Vereins warteten ungeöffnete Briefumschläge, offene Rechnungen, Zusatz-Tribünen, für die ein Jahr lang keine Miete gezahlt worden war, viele Probleme und wenig Spaß. Zu der Zeit fragte Frau Drüke auf der Geschäftsstelle an, ob sie helfen könne. Unentgeltlich, ohne Aufwandsentschädigung. Die Rentnerin wollte nichts, außer einer Aufgabe.  Mehr möchte sie auch heute noch nicht.

Über die „Steuerdelikte und Strafbefehle“ aus der Vergangenheit möchte Theisen heute nicht mehr gerne sprechen. Sie waren vor seiner Zeit, er muss sich nur mit den Folgen herumschlagen, erklären warum die TuS in Pfullendorf spielt, liebgewonnene Zuschauerplätze durch den Abbau von Tribünen verschwinden und bisweilen auch ertragen, dass ihm Prügel angedroht werden. Eine zweistellige Zahl betrage der Kreis der gewaltbereiten Unterstützer der TuS. Auch dies sei ein Mitbringsel aus der Zeit in der zweiten Liga, für den Klub zu verkraften, aber nicht schön. Warum macht er diesen Job? Schließlich war die TuS für ihn „vor 2010 nur auf Sky ein Thema. Hier ging es um Glamour“. In den Jahren danach ging es um die Existenz des Vereins. „Altlasten, Zuschauerzahlen, Sponsoring“ nennt Theisen als die drei größten Probleme der TuS. Altlasten in Millionenhöhe; Zuschauerzahlen, die sich bei nur etwa 1800 Besuchern pro Heimspiel im Schnitt in einer Liga eingependelt haben, der es nicht an Qualität, aber an Fernsehpräsenz fehlt; und ein Sponsorenvolumen, das für die Regionalliga längst noch nicht ausreicht. Absolute Zahlen gibt er nicht preis, aber immerhin: „Auch das  Verhältnis zur Stadt Koblenz wurde um 100 Prozent verbessert.“

„Heute kommen die handelnden Personen aus der Region.“ Dies scheint für Theisen der einzige Weg der TuS Koblenz in eine gesicherte Zukunft. Theisen und auch Teamchef Nessos ist klar, dass sie an der „Zukunft eines bodenständigen Ausbildungsvereins“ arbeiten.  „Die TuS Koblenz und die Regionalliga können nur das Sprungbrett sein für Talente auf ihrem Weg nach oben“, beschreibt Nessos die Situation realistisch. Die Spieler künftiger Kader werden verstärkt aus der Region stammen, weil die wirtschaftlichen Vorgaben dies so verlangen und der Identifikationsfaktor Vorteile verspricht. Mit großen und vielleicht teuren Namen wurde es in Koblenz schon versucht, Beispiele sind der Ex-Frankfurter Evin Skela, der Albaner Fatmir Vata und Du-Ri Cha, Sohn des früheren Eintracht-Stars Bum-Kun Cha. Es wäre zu einfach zu sagen, dass die mehreren Millionen Euro Schulden darauf zurückzuführen seien. Aber der Schuldenberg ist ein Ergebnis der Misswirtschaft aus Zweitligazeiten, als sich die Koblenzer Verantwortlichen von großen Namen großen Erfolg versprachen.  Skela, Vata, Du-Ri Cha – es ist fraglich, ob sie den Begriff der „Schängel“ kannten. So werden in der Mundart die in der Stadt Koblenz geborenen Jungs genannt – und mittlerweile auch die Mädchen. Koblenz ist die „Schängel-Stadt“, die Spieler der TuS werden „Schängel“ genannt. Ohne Identifikation mit Stadt und Region geht es nicht.  Seinen Ursprung hat der Begriff in dem französischen Jean, dessen Aussprache durch dialektische Färbung zum Schang und später zum Schängel wurde. Früher war es ein Schimpfwort, heute gilt es als Auszeichnung.

Spieler wie Michael Stahl sind heute die Hoffnung der TuS Koblenz. Sie gelten als „Schängel“. Der Defensivspieler erzielte im Oktober 2010 das „Tor des Jahres“, als die TuS 2:1 im DFB-Pokal gegen Hertha BSC gewann und er – wenn auch ungewollt – aus 61 Metern den Ball ins Tor drosch. In den Medien stand anschließend in Anspielung auf den mit einem Oscar prämierten,  ähnlich lautenden Film: „Aus der Mitte entspringt ein Schuss.“ Und was für einer. Die Klickzahlen bei youtube steigen immer noch. Stahli, wie sie ihn in Koblenz liebevoll nennen, ist eine Identifikationsfigur, so etwas wie ein Markenbotschafter. Er wird beim Fußballjugendcamp zu Ostern dabei sein, seine Mannschaftskollegen sind als Übungsleiter der Jugendmannschaften eingesetzt, Teamchef Nessos wirkt im erweiterten Präsidium als gewähltes Mitglied mit. Sein Verantwortungsbereich ist die Jugend. Für jeden findet sich eine weitere Aufgabe. Bei guter Koordination spart das auch Spritgeld.

Würde Theisen, in Kenntnis dessen, was auf ihn zukommt, die Aufgabe heute nochmal übernehmen? Er verneint klipp und klar. „Ich war fußballverrückt, blauäugig und hatte keine Ahnung.“ Warum macht er das? „Weil wir ein Team sind, weil wir von hier sind, weil wir Kameradschaft leben und die Dinge auch beim Namen nennen können, ohne dass einer sauer ist.“  Demnächst soll Nessos Vertrag verlängert werden. Es ist nicht vermessen zu vermuten, dass sein Salär nicht sonderlich angehoben worden war, als er von der Position des Co-Trainers auf den Posten des Teamchefs aufrückte. Nessos: „Ich muss meine Familie davon ernähren können, und dafür reicht es.“ Der Deutsch-Grieche wird sich bei der Zusammenstellung seines Kaders für die nächste Saison bescheiden müssen.  1,5 Millionen Euro stehen für die aktuelle Spielzeit zur Verfügung. Das beinhaltet auch die Kosten in Höhe von 250 000 Euro für das Nachwuchsleistungszentrum. Nächste Saison dürfte die Zahl bei etwa einer Million Euro liegen – alles inklusive. Das sieht der Wirtschaftsplan vor, an dem kein Wunschdenken vorbeiführt. Er muss Behörden und Großgläubigern vorgelegt werden, welche im Gegenzug Schulden in Millionenhöhe erlassen oder gestundet haben.  Werden die Forderungen erfüllt, dann wäre in 60 Monaten bezahlt, auf was die Gläubiger eben nicht (komplett) verzichten und die TuS dann schuldenfrei. Was in den Büchern eine Schuldenreduzierung von mehreren Millionen Verbindlichkeiten auf einen sechsstelligen Betrag bedeutet, beschreibt Theisen so: „Der Patient wurde erfolgreich notoperiert, muss aber noch starke Medikamente nehmen.“

In fünf Jahren soll das Thema durch sein. Aber wo sieht Theisen die TuS in zehn Jahren? „Stabil aufgestellt und mindestens in der Regionalliga.“ Banal erscheint dagegen sein Wunsch, dessen Wert mit Blick auf seine Arbeit in den vergangenen drei Jahren deutlich wird. „Ich möchte einfach mal auf der Tribüne bei der TuS Koblenz sitzen und ein Spiel genießen können, ohne dass einer durchdreht.“ Inge Drüke säße in solchen Momenten gerne neben ihm  – und durchdrehen würde sie bestimmt nicht.

Borussia Fulda - Der lange Weg zurück aus der Bedeutungslosigkeit

Von Martin Batzel

Das sind noch Preise: Vier Euro kostet ein Ticket, gültig für alle Plätze – auch auf der Sitzplatztribüne. Damit wirbt Borussia Fulda um Kundschaft. Alle Plätze für einen Preis - nur die auf der Trainerbank sind tabu. Hier, im Stadion Johannisau, lebt der Fußball an der Basis und nahe der Graswurzel. Drei Euro sind fällig für die Kombination von Bier, Bratwurst und Brötchen. „So wollen wir wieder Zuschauer ins Stadion locken“, erklärt Jörg Dietz, Vorsitzender von Borussia Fulda, die Gründe für die Preispolitik.

Noch 15 Minuten sind es bis zum Anpfiff der Partie gegen die zweite Mannschaft des Hünfelder SV und die wichtigste Frage im Stadion lautet: Knackt Borussia Fulda heute die Grenze von 100 erzielten Toren? Vor dem Anstoß und nach 27 absolvierten Spielen fehlen noch fünf Tore. Das macht drei Treffer pro Spiel im Schnitt, 10:0-Siege sind auch dabei.

Vier Euro Eintritt nehmen die übrigen 18 Teams der Gruppenliga Fulda zwar auch, aber sie bieten für den Preis keine überdachte Haupttribüne und keine Gegentribüne mit Schalensitzen und Sonnenschein. 600 Zuschauer kommen im Durchschnitt. „Das ist der höchste Schnitt in allen hessischen Amateurligen“, rechnet Reinhard Buchhagen vor. Im Vorstand ist er der Mann für die Finanzen.  Das Spiel gegen Hünfeld II sehen knapp 250. Die Konkurrenz ist aber auch zu groß: Verkaufsoffener Sonntag in der osthessischen Stadt, jede Menge Rummel rund um den Dom, der das Wahrzeichen der Katholiken-Hochburg bildet. Schönes Wetter und Sonnenschein lockt Ausflügler in die Rhön, dass 20 Autominuten entfernte Naherholungsgebiet.

Wer bei schönem Wetter und zu Heimspielen in den Nachmittagsstunden oder am frühen Abend ins Stadion Johannisau kommt, hält sich meist auf den Gegengeraden auf, dort wärmt die Sonne besonders angenehm.  Blocktrennung gibt es nicht, warum auch. Der Gegner bringt selten Fans mit, organisierte Fanklubs schon mal gar nicht. Im Ligaalltag sind Vereine wie Rothemann, Schlitzerland, Hosenfeld, Haunetal und Großenlüder zu Gast. Sie zeugen eher von respektabler lokaler Größe denn von (über-)regionaler Bekanntheit.  Irgendwie und besonders wegen der eigenen sportlichen Vergangenheit passt der Name Borussia Fulda nicht da rein – und deswegen will der Verein auch raus aus der Gruppenliga.

45 Minuten sind vorbei im Spiel gegen die Reserve aus der Nachbarstadt. Fulda führt 2:0, für Marcel Trägler sind es seine Tore 22 und 23 in der laufenden Spielzeit. Er stammt aus der Borussia-Jugend, erzielte in der vergangenen Saison in der A-Klasse 60 Treffer. Noch drei Tore fehlen bis zur 100er-Marke. Trainer Oliver Bunzenthal gibt sich optimistisch. „Wir haben damit gerechnet, diese Grenze zu knacken, aber nicht so früh in der Saison.“

Bunzenthal wechselt vor Saisonbeginn aus Hünfeld nach Fulda und damit von der Hessenliga in die zwei Klassen tiefere Gruppenliga. Nun will er wieder hoch. „Oliver ist als Trainer die beste Lösung, die unsere Region zu bieten hat“, sagt Dietz über den früheren Mittelfeldspieler, der als Aktiver 120 Spiele in der Regionalliga für den SV Wehen absolviert und auf 17 Einsätze als Profi für Eintracht Frankfurt kommt. Zum Karriereende hin unterschreibt Bunzenthal beim Hünfelder SV, spielt noch zwei Jahre bis 2006, übernimmt dort den Trainerjob und bleibt bis Juni 2013. In Osthessen schließt sich für Bunzenthal ein Kreis, als 17-Jähriger wechselt er 1990 von Borussia Fulda zu Eintracht Frankfurt. Sein Name steht für Kontinuität und Vereinstreue.

In der Halbzeitpause bleibt noch Zeit für einen Snack. Kleine Schilder am Boden weisen den Weg zum freundlich eingerichteten VIP-Raum. Hier gibt es neben Currywurst und Cola auch einen angenehmen Umgangston und nette kleine Gesten, um die Geldgeber bei Laune zu halten. Ein VIP-Raum in der Gruppenliga? „In dieser Spielklasse ist das einzigartig.“ Mit berechtigtem Stolz weist Dietz auf die Errungenschaft hin, für deren Jahresticket der Preis am 1. April von 400 auf 600 Euro erhöht worden war.

Für einen Kasten Bier, das obligatorische Essen nach Heimspielen – und sei es noch so gemütlich - oder eine schöne Vereinsweihnachtsfeier spielt im oberen Drittel der Gruppenliga keiner mehr Fußball. 150 000 oder gar 200 000 Euro reichen heute nicht mehr, um das Ziel Verbandsliga zu erreichen. Der Etat von Borussia Fulda liegt im sechsstelligen Bereich und eine „große zwei“ steht davor. So wird es im VIP-Raum fein umschrieben. Die Verantwortlichen des Vorstands aber sprechen über Zahlen nicht so gerne. Sie halten sich zurück, wollen nach den Jahren des finanziellen Wagnisses und der wirtschaftlichen Unvernunft „solide arbeiten und Borussia Fulda finanziell auf vernünftige Füße stellen“, wie es Schatzmeister Buchhagen formuliert. Sie müssen sich um die Finanzierung von Mannschaft und Verein kümmern, das Stadion gehört der Stadt. Borussia Fulda zahlt eine Pacht, die stark von den Umsätzen aus den Zuschauerzahlen abhängt. Aus Sicht des Klubs eine clevere Lösung.

Ziel ist die Hessenliga, je schneller desto besser. Das wäre, den Aufstieg in die Verbandsliga in diesem Jahr vorausgesetzt, schon in 15 Monaten möglich. Aber so offen will das keiner bei Borussia Fulda sagen, denn das klingt nicht gut, ein wenig überheblich und ein bisschen nach alten Zeiten. Die enden vor zehn Jahren in der sportlichen und wirtschaftlichen Pleite. Borussia steigt mehrfach ab, kann Forderungen der Gläubiger nicht mehr erfüllen. Zu der Zeit beginnt Jörg Dietz sich für Borussia Fulda zu interessieren. Eigentlich ist er Fan des FC Bayern München, er besitzt eine Dauerkarte für die Südkurve. Dort entsteht bei Bayern-Spielen die Stimmung. Bei Borussia Fulda  wird er 2008 erst Schriftführer, ein Jahr später stellvertretender Vorsitzender. 2010 tritt der Vorsitzende zurück, Dietz rückt an die Spitze. Die Insolvenz wird abgewendet. „Das haben wir aus eigener Kraft geschafft.“ Dietz‘ Stolz über den gelungenen Kraftakt ist heute noch zu hören. 100 000 Euro reichen, um die Forderungen zu begleichen, denn die Gläubiger verzichten auf viel Geld. Borussia Fulda überlebt, das Jubiläum zum 100-Jährigen Bestehen ist nicht vergessen, aber in diesen Jahren nicht so wichtig. Die große Fete wird zehn Jahre später an Pfingsten 2014 nachgeholt. Dann besteht Borussia Fulda fast auf den Tag genau seit 110 Jahren und die SG Bad Soden kommt zum letzten Heimspiel. Es geht zwar auch dann um Punkte, für Borussia Fulda wohl aber eher um einen schönen Abschluss. Vor dem Heimspiel gegen Hünfeld II hat der Verein schon 68 Punkte, anschließend sind es 71 und damit 15 Zähler Vorsprung auf den Zweiten Eichenzell.

60 Minuten sind gespielt, Daniel Schirmer trifft zum 3:0, noch zwei Tore bleiben bis zur Marke. Die Zuschauer wollen sie fallen sehen. Sie fordern mehr, wenn auch nur in der Lautstärke, die man Menschen im gesetzten Alter über 50 zutraut. Keine Trommeln, Rasseln, Gesänge oder gar Bengalos stören die Ruhe. Zwei Männer tragen die orangefarbenen Leibchen der Ordner. Mehr braucht es hier auf diesem beschaulichen Sportplatz nicht. Zwei Fanklubs hat Borussia Fulda noch. Sie heißen „Harter Kern“ und „Partylegion Osthessen“. Ihre Aktivitäten haben nachgelassen, aber sie leben noch.

69. Minute, das 4:0 durch Sasa Dimitrijevic. Der 20-Jährige wechselt im Winter 2013 von einem serbischen Drittligisten nach Osthessen. Die Kooperation eines Borussen-Sponsors mit einem Unternehmen in Dimitrijevics Heimat macht es möglich. Nur mit Spielern aus der Region geht es nicht. Auch wenn der Hauptgrund, den Mittelfeldspieler Robert Schorstein für seine Rückkehr an die Fulda nennt, beispielhaft sein könnte: „Ich spiele jetzt wieder mit vielen Jungs zusammen, mit denen ich bereits in der Jugend hier gekickt habe. Dass dazu noch Spieler kommen, die in den vergangenen Jahren noch in der Hessenliga gespielt haben, macht es als Fußballer richtig interessant.“

Nur noch ein Tor fehlt, dann ist ein (Teil-)Ziel erreicht. Aufstieg lautet die Vorgabe für Bunzenthal. Seine ehrgeizigen Pläne passen zu den Vorhaben des Vorstands, in der Johannisau „etwas auf Jahre hin aufzubauen“. Bunzenthal, der auch mit 43 Jahren den Eindruck macht, immer noch mitspielen zu können, spricht von seiner Aufgabe als „einen Riesenspaß“. Der Begriff Zusammenhalt fällt immer wieder. „Hier geht viel über die Harmonie. Wir wollen wieder ein Vereinsleben haben und ein Verein sein.“ Dies sei die Grundlage für den Erfolg.

Mit seiner Art schaffte es Oliver Bunzenthal auch Spieler zu begeistern, deren fußballerische Vita sich liest wie ein langer, steter Abstieg, die aber – wie Alexander Reith - in der Gruppenliga zeigen, dass sie hier und auch höher mithalten können. Reith stammt aus Fulda, spielt in der Jugend für Werder Bremen, wird mit der U15 Deutscher Meister, durchläuft die deutschen Nationalmannschaften U15, 16 und 17, bekommt gleich zwei Angebote zum Probetraining in der englischen Premier League: Auf dem Rasen des FC Fulham reißt am zweiten Tag sein Kreuzband, zum FC Liverpool reist er dann nicht mehr. Aus England meldet sich niemand mehr bei Reith, er wechselt in die Pfalz. Immer neue Verletzungen und starke Konkurrenz verhindern den Durchbruch beim 1. FC Kaiserslautern, über den Oberligisten Buchonia Flieden kehrt Reith zurück in seine Heimatstadt.

Reith ist am Wochenende Borussias Mittelfeldmotor und sonst Mitarbeiter in einem Wellnessbetrieb. Fürs Profitum fehlt auch beim Liga-Krösus das Geld, dies wird auch eine Liga höher nicht anders sein. Auch wenn die Gegner dann Eschwege, Willingen und KSV Hessen Kassel II heißen, die Wege länger werden und die Ansprüche vielleicht schneller steigen als die Eintrittsgelder. Ganz vorsichtig wird in der Johannisau darüber gesprochen, was vielleicht irgendwann und in dann doch nicht allzu ferner Zukunft möglich sein könnte, wenn es denn gut laufe. Wenn die Gedanken in Worte gefasst werden, dann findet sich viel, viel Vorsicht darin. Und dann fällt der Begriff doch: Regionalliga, Rückkehr in die überregionale Bedeutsamkeit. Irgendwann wieder. Die Erinnerung ist noch da, am dritten Spieltag der Saison 1996/97 in der Regionalliga Süd kommen 18 000 Zuschauer zum Spiel Borussia Fulda gegen den 1. FC Nürnberg in die Johannisau. Die Partie endet 1:1, die Jahre danach enden meist mit finanziellen und sportlichen Schwierigkeiten.  2004 Lizenzverweigerung für die Oberliga, 2009 Abstieg aus der Hessenliga, ein Jahr später der Abstieg aus der Verbandsliga Nord und im gleichen Jahr der Insolvenzantrag. Aber der Verein überlebt auch das.

Zurück in die Gegenwart. In der 80. Minute sind die 100 voll, Imal Schersadeh trifft zum 5:0, die Tordifferenz liegt bei 86 Treffern und Jörg Dietz, der agile Vorsitzende, der die Identifikation mit dem Verein vorlebt, macht sich Gedanken, wie man die Situation noch mehr genießen könnte. Der benachbarte Segelflugplatz böte die Gelegenheit dazu. 15 Minuten dauert ein Rundflug über die osthessische Stadt, Start und Landebahn liegen direkt neben dem Stadion. 15 Minuten – das ist nur wenig länger als die Halbzeitpause und eine schöne Idee fürs Jubiläumsfest an Pfingsten.  Von oben betrachtet sähe der derzeitige Höhenflug von Borussia Fulda dann noch schöner aus.